Denise Winter
Kalben_umgekehrt
Dia-Projektoren Installation
Ansicht der Ausstellung filetieren.SCHNITT. in der galerie januar Bochum, 2013
Dias, die verzerrte Eisberge zeigen, klicken sich von Ecke zu Ecke, von Wand zu Wand. Die fünf Diaprojektoren wechseln sich ab und füllen den Raum mit leeren Diaprojektionen oder hellblauen Eisbergen umringt von unendlichen Wassermengen. Als Kalben eines Gletschers bezeichnet man den Vorgang des Abbrechens großer Eismassen, die dann zu Eisbergen werden. Die Abspaltung ist unwiederbringlich und birgt in sich nicht nur das schnelle Schrumpfen der Gletscher, sondern auch eine Zeitlichkeit, die das Vergangene verdeutlicht. Bei Kalben_umgekehrt kann durchaus von einer blitzhaften rhythmischen Vergegenwärtigung des Vergangenen – des remembering present (Dominique Païni, Why Should We Put an End to Projection?, in: October 110, Herbst 2004, S. 29.) – die Rede sein. Die verschwommene und grobkörnige Aufnahme lässt die Geschichtlichkeit der Eisberge geradezu offen zu Tage treten. Die leeren Dias allerdings machen auf den Ausstellungsraum im Hier und Jetzt aufmerksam. Dabei wird ein Teil des Raumes mit seinem spezifischen Charaktermerkmal der Architektur weiß angeleuchtet und besitzt in der Materialität Vergleichspotenzial mit Eis- oder Schneemassen. Es handelt sich sowohl formal als auch zeitlich und inhaltlich um ein Austesten der Grenzen und Brücken von auseinandergerissenen Teilen. Diese werden ausgeschnitten, eingeschnitten, durchschnitten, transformiert und gebrochen. Eben filetiert, wie der Titel der Ausstellung ankündigt. Denn Winter pickt sich die Ansichten heraus, die ihr für den uns umgebenden Raum am meisten geeignet erscheinen. Im Keller sind es die Übergänge von Wand zu Boden, Wand zu Decke, Wand zu Fenster, die im Fokus der leeren Dias stehen. Das kurze Aufleuchten bedeutet ein lautes Klicken, ein Verändern der Lichtsituation im Raum und die Schaffung scharfkantiger Schatten. Im Wechsel der Eisberge mit den leeren Dias changiert die Rezeption von Gegenständlichkeit und Abstraktion permanent und bildet eine Verbindung des dreidimensionalen Tiefenraumes des Meeres und der zweidimensionalen Oberflächentextur des reinen weißen Lichtes. Tatsächlich sind beide Ebenen zum selben Zeitpunkt erfahrbar, bilden also ein dialektisches Bild, da die fünf Diaprojektoren im Zusammenschnitt und unterschiedlichen Rhythmus ihre Projektionen wechseln.
Text: Samira Yildirim