HEIMO ZOBERNIG
13. März bis 26. April 2025
Galerie Christine Mayer
Heimo Zobernig im Gespräch mit Kristina Schmidt
KS: Zunächst ist mir aufgefallen, dass in vielen Texten, in denen deine Arbeit beschrieben wird, Gegensatzpaare auftauchen. Ist in Abgrenzung (Annäherung) gegenüber etwas anderem das eigentlich gemeinte verständlicher?
Einige Wortpaare habe ich mir beim Lesen notiert:
Ausstellung – Kunst
Material – Idee
Intuition – Kontrolle
Präzision – Spiel
Gegenwart – Geschichte – Zukunft
Wertigkeit – Wertschätzung
Tradition – Innovation
Ressourcen – Gestaltung
Pathos – Funktionalität
Entscheidung – Spontaneität
Serialität – Textur
Differenz – Ausgestaltung
Zitat – Skepsis
Koordinaten – einzelne Werke
Inhalt – Form
Wiederholung – Variation
Spannung – Erleben
Freiheit – Zwang
HZ: Das sind großartige Begriffspaare. Mit dem Blick auf Materialgegebenheiten sind sie nicht alle Gegensätze für mich. Mit dieser Liste könnte man sich gut einem Großteil der Verstehensleistungen zeitgenössischer Kunst annähern. Davon bin ich gerne ein Teil.
KS: Gibt es überhaupt “das Gemeinte”? Und lässt sich formulieren, was gemeint ist, bevor Arbeiten entstehen, ist zum Beispiel der sichtbare Produktionsprozess und das Material und eben die Beschaffenheit auch der Inhalt selbst?
HZ: Unsere Lebenswelt ist paradox und setzt sich aus Tendenzen zusammen. Bezeichnungen und Begriffe können Gewicht annehmen und mit dem Benannten in eins fallen. Im Zustand der Aphasie können Empfindungen und Dinge schwer auf der Zunge liegen. Wahre Theorie ist in allem selbst. Dieser Aussage kann gerne widersprochen werden.
KS: Diesen Satz mag ich besonders: “Wenn ich als Künstler die Absicht habe, irgendetwas darzustellen, muss ich das natürlich in einer Weise tun, die beschreibbar ist, aber ich muss die Arbeit machen und nicht beschreiben.”
HZ: So ist das.
KS: Ist es dir wichtig, dass Betrachter*innen deine Art zu denken nachvollziehen? Wie denkst du über Besucher*innen, die vielleicht nicht aus einer akademischen Richtung oder dem Kunstbetrieb kommen, und die Zitate oder Anspielungen nicht zuordnen können?
HZ: Ich denke mich ja selber in die Rolle der Betrachter*innen, das ist dann ja grundsätzlich offen für alle Positionen, aber unvermeidlich auch geleitet durch mein akademisches Wissen.
KS: Wenn du in deinen Arbeiten Bezug auf anderes, früheres nimmst, ist es beinahe, als ob du dich in Reihe stellst oder ein früher dagewesenes System zu denken erweiterst oder kommentierst. Stimmt das?
HZ: Oh ja, das trifft sicher zu. Die historischen Quellen sind in allen Richtungen unerschöpflich. Oft ist das im Moment gar nicht bewusst. Und dennoch ist man in einem permanenten Prozess des Sich-Einreihens. In meinen künstlerischen Anfängen habe ich sehr viele kleine Arbeiten und Skizzen / Zeichnungen auf Papier gemacht oder kleine Modelle gebaut. Wenn ich da manchmal reingehe, bin ich immer wieder überrascht, Gegenwärtiges zu finden, aktuelle Ideen in damaligen Skizzen zu finden
KS: Was macht es inhaltlich mit deiner Arbeit, ein arbeitender Künstler zu sein, der bereits Teil des kunstgeschichtlichen Kanons ist?
HZ: Ach, das fühlt sich wie vor 40 Jahren an, oder sowohl die Freiheit und als auch die Beschränkungen erscheinen mir heute noch weiter und größer.
KS: Wie ist dein Arbeitsprozess und hast du beim Machen (Denken) selbst Freude? Wie ist es für dich, wenn du Arbeitsprozesse auslagerst und dann die Arbeit realisiert siehst?
HZ: Es gibt die Vorstellung, dass es wie von selber gehen könnte, aber Übung ist vermutlich doch die Voraussetzung dafür, dass sich dann die Dinge scheinbar wie von selbst zusammenfügen. Jede Arbeit beginnt mit einer Vorstellung/Überlegung davon, was da werden soll. Das Machen ist ein gern gemachter Vorgang, das ist auch so, wenn dafür mehr Hände notwendig sind.
Schlechte Laune ist kein guter Ratgeber.
KS: Welche Räume oder Ausstellungsräume interessieren dich aktuell und wie hat sich dein Interesse an Räumen im Laufe deiner Karriere verändert?
HZ: Rückblickend sind das wohl die institutionellen Räume der Kunst und diese sind vielfältig und meistens in ihren eigenen Limitationen gegeben. Im Öffentlichen war es vielleicht doch eher so, dass meine Interventionen die Tendenz haben, unsichtbar zu sein.
KS: Die Skulptur aus den Trevira CS Resten sieht für mich geisterhaft aus, das weiße Stoffbild ebenso. Ich könnte mir auch vorstellen, dass durch Bewegung im Raum (Tür auf Tür zu, Menschen) leichte Bewegung in den Arbeiten entsteht. Auch Interferenzfarbe und Spiegel verändern sich ja durch die Bewegungen der Betrachter*innen.
HZ: Die Interferenz Farbe und die Spiegel, verführen den Betrachter, die Betrachterin dazu, sich zu bewegen. Das Hängende kommt nie ganz zur Ruhe. Darin liegt ja der immer wiederkehrende Wunsch, Skulpturen lebendig erscheinen zu lassen. Immer will sich Bewegung in Bewegtheit übersetzen lassen. Die Skulpturen aus den Stoffen folgen der vereinfachten Beschreibung unserer Körper – ein Sack gefüllt mit verschiedenen Sachen und einem Gestell, für die Form.
KS: Mehrfach habe ich gelesen, dass du die Produktionsbedingungen transparent sichtbar halten möchtest. Dabei hast du auch die Analogie zur Unternehmer*innenkultur erwähnt. Da schwingt für mich ein Interesse an politischem, sozialem, vielleicht auch am Unternehmer*innentum mit. Ist das etwas, was für dich (immer noch) interessant ist?
HZ: Ja, um für die Diskussion offen zu sein, um die Bedingungen für die Kreation nachvollziehbar zu machen. Wie entsteht Kunst? Oswald Wiener hat in seinem Roman 1969 Die Verbesserung von Mitteleuropa, alle Quellen seines Denkens im Anhang aufgelistet – das hat mich angeleitet. Das können wir uns gerne auch von der Unternehmenskultur wünschen.
KS: Welche Aspekte bestimmen in deiner Arbeit den ökonomischen/pragmatischen Einsatz der Ressourcen und die Auswahl der Materialien?
HZ: Die Verwendung einfacher, allgemein zugänglicher Materialien entspricht meiner demokratischen, ökonomischen und ökologischen Haltung.
KS: Zum Bild auf der Einladungskarte würde ich gerne mehr wissen.
HZ: Diese Einladungskarte ist die Wiederholung meiner Einladungskarte für meine Ausstellung letztes Jahr in der Galerie Meyer Kainer in Wien und sie ist nun die achte in einer Reihe von Einladungskarten im gleichen Format mit drei Worten. Das ist nicht als Ausstellungstitel gemeint, sondern als Schriftbild.
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Bildnachweis: Ausstellungsplakat
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