19. Juni – 11. Oktober 2026
Frankfurter Kunstverein


Presserundgang: Donnerstag, 18. Juni 2026, um 11:30 Uhr
Eröffnung: Donnerstag, 18. Juni 2026, um 17:30 Uhr

Eine Ausstellung des ALPS Alpines Museum der Schweiz, Bern, in Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Kunstverein

Kuration von Beat Hächler (Direktor des ALPS Alpines Museum der Schweiz, Bern) und Gian Suhner
(Filmemacher) und für zeitgenössische Kunst von Franziska Nori (Direktorin Frankfurter Kunstverein)

Mit Julie Edel Hardenberg

Grönland – Not For Sale – Kalaallit Nunaat Forever ist einem Land gewidmet, das vor enormen Veränderungen steht und wie ein Vergrößerungsglas die Themen unserer Zeit aufzeigt. Es sind die filmischen Arbeiten des Teams um Beat Hächler und Gian Suhner und die aktivistische Kunst von Julie Hardenberg, die dem deutschen Publikum zahlreiche Facetten der Wirklichkeit eines Landes und seiner Menschen durch gewaltige Bildwelten sichtbar machen.

Grönland steht aktuell im Fokus geopolitischer Bestrebungen. Seine militärstrategische Lage, die Seltenen Erden und die sich wegen des Klimawandels öffnenden Schiffsrouten haben politische Verschiebungen weiter angeschoben. Spätestens mit den jüngsten öffentlichen Äußerungen des US-amerikanischen Präsidenten steht die Frage nach politischer Unabhängigkeit gegenüber geopolitischer Vernetzung vehement im Raum.

Auch ein langwieriger und schmerzhafter Prozess der Entkolonisierung und Unabhängigkeit von Dänemark prägen die grönländische Debatte, die zwischen Tradition und westlicher Konsumwelt, zwischen Aufarbeitung und Anerkennung verhandelt wird.

Immer noch ist unser westliches Grönland-Bild von unberührter arktischer Natur und Iglu-Romantik und von Vorurteilen geprägt. Was wissen wir in Deutschland von diesem Land? Was wissen wir über die Menschen in Grönland, über die Natur und über die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft, Umwelt und Kultur? Was über die Geschichte kolonialer Gewalt? Welche politischen Kräfte erheben Anspruch auf das Land, das sich nach Unabhängigkeit sehnt?

Grönland ist vom arktischen Meer umgeben, sechs Mal so groß wie Deutschland und ist in den vergangenen Jahren unfreiwillig in den Fokus der Großmächte gerückt. Mit der Beschleunigung der Erderwärmung sind die ansonsten gefrorenen Seewege befahrbar geworden und die schmelzenden Gletscher legen Oberflächen des Landes in Teilen frei. Die strategische Lage an der Schnittstelle zwischen Kanada, den USA, Russland und Europa weckt die Begierde nach Vorherrschaft über die Meereswege und den Zugriff auf die zahlreichen Rohstoffe.

Wie sehen das die Menschen vor Ort? Grönlands rund 57.000 Bewohner:innen erleben aktuell eine sich zuspitzende geopolitische Lage und finden sich im Fokus internationaler Begehren wieder. Wie haben sich die kulturellen und nationalen Zugehörigkeitsgefühle seit den jüngsten geopolitischen Ereignissen verschoben? Was bedeutet es, in Anbetracht der medialen und politischen Aufmerksamkeit seine politische Unabhängigkeit und kulturelle Identität zu bewahren? Welche Kunst und welche Musik drücken die Gefühle ihrer Einwohner:innen und besonders der jungen Generation aus?

Grönland stellt sich dem Druck globaler Veränderungen, der sich in vielen Regionen der Welt heute auf Menschen ähnlich auswirkt. Die zahlreichen Folgen der globalen Klimaerwärmung, wirtschaftliche Interessen von transnationalen Großunternehmen, die die lokale Bevölkerung außen vor lassen und geopolitische Machtansprüche üben Druck auf das Land aus. Intern entstehen Verschiebungen im Verhältnis zwischen Staat und Bürger:innen, die sich aus dem wachsenden identitätspolitischen Bewusstsein ergeben.

Grönland – Not For Sale – Kalaallit Nunaat Forever ist eine Ausstellung in neun Kapiteln. Julie Edel Hardenbergs politische Kunst, die filmischen Panoramabilder und dreißig Videointerviews Gian Suhners zeichnen das Portrait eines Landes und seiner Menschen, das wir so noch nicht kannten.

Kunst als Spiegel der Aktualität

Julie Edel Hardenberg (Paneeraq) ist Künstlerin, Schriftstellerin und Aktivistin. Zum ersten Mal wird die in Nuuk und Kopenhagen arbeitende Künstlerin in Deutschland gezeigt. Ihre Untersuchungen gelten dem Verhältnis zwischen Grönland und Dänemark, den kolonialen Strukturen und wie sich die einst externe Macht ins Innere der Menschen verlagert hat. Aktuell arbeitet sie an einer Untersuchung des Verhältnisses von Macht und Ohnmacht im Kontext von Kolonialisierung und deren Aufarbeitung. Sie sucht nach den Zeichen und Auswirkungen von verkörperten Erfahrungen, die der Kolonialismus nicht nur in die Geschichte geografischer Orte eingeschrieben hat, sondern auch in die Körper der Menschen, die diese Orte heute bewohnen. Dort, so Hardenberg, gilt es anzusetzen, um Widerstand gegenüber kulturellen Überformungen, Unsichtbarmachung und Vergessen zu leisten.

Julie Hardenberg hat mit dem Frankfurter Kunstverein eine umfassende Auswahl ihrer Arbeiten aus den vergangenen Jahrzehnten getroffen. Dies ist die erste umfassende Schau einer der einflussreichsten Künstlerinnen Grönlands und Skandinaviens.

Mit Menschen in Grönland, nicht über sie, sprechen

Haltung und Vorgehen des Filmteams um Beat Hächler und Gian Suhner machen Grönland – Not For Sale – Kalaallit Nunaat Forever zu einer besonderen Ausstellung, in der die Grönländer:innen selbst ihre Stimmen erheben. Die filmischen Portraits öffnen Fenster in die atemberaubenden Landschaften, sie fangen Eindrücke des Lebens, der Verbundenheit, aber auch der Konflikte und Spaltungen gekonnt und sensibel ein.

Zitat:

„Grönland – Not For Sale – Kalaallit Nunaat Forever ist eine Ausstellung, die in Kooperation mit dem ALPS Alpines Museum der Schweiz, Bern, gezeigt wird“, sagt Franziska Nori, Direktorin des Frankfurter Kunstverein. „Über vier Jahre haben die Kolleg:innen um Beat Hächler und Gian Suhner berührende und intime filmische Zeugnisse geschaffen. Diese ermöglichen eine sinnliche Reise in die kaleidoskopischen Erzählungen eines komplexen Landes und dessen Menschen. Sie nehmen uns mit in ihre Wirklichkeit und schaffen neue Einblicke und Verständnis für ihr Land und ihre Kulturen. Was uns so fern scheint, ist doch so nah.“

Der Ausstellungsparcours

Gleich zu Anfang des Parcours erhalten Besuchende einen eigenen Kopfhörer, mit dem sie sich sinnlich – akustisch und visuell – auf die einzigartigen Landschaften einlassen. An jeder Station – ob Screen oder Projektion – werden die Kopfhörer eingesteckt und so die multimedialen Inhalte aktiviert. Großformatige Landschaftsbilder im immersiven Format von Doppelprojektionen fungieren als Fenster in die grönländische Wirklichkeit. In dreißig Interviews kommen Personen zu Wort, die aus ihrer Erfahrung und fachlichen Kenntnis einzelne Themen beleuchten und die sich daran knüpfenden Herausforderungen der Zeit vertiefen. Die Ausstellung wird von einer Publikation mit zahlreichen Bildern und ergänzenden Texten begleitet.

Intro (Erdgeschoss)

Die Besucher:innen empfängt zu Beginn der Ausstellung eine neun-Kanal-Videoarbeit. Zum Sound des grönländischen Rappers Tarrak werden die Themen der Ausstellung zu einer beeindruckenden Bildkollage verdichtet.

Raum 1: Klimawandel im Eislabor (erstes Obergeschoss, Foyer)

Im ersten Raum blicken Besucher:innen in den Laborraum der Abteilung für Klima und Umweltphysik der Universität Bern. Der Film zeigt Tiefkühlräume und Eisbohrkerne, Notstromaggregate gegen Stromausfälle und Luftgasanalysemaschinen. Wir lernen das Archiv kennen, in dem tiefgekühlte Eisbohrkerne aus Grönland und der Antarktis analysiert werden. Aktuell schmilzt in Grönland ein Kubikkilometer Eis pro Sommerhalbjahr und Tag ab. Hier ist die Klimaerwärmung dreimal heftiger aktiv.

Interviews mit:

  • Chantal Zeppenfeld: Forschung im Labor und Feld (PhD-Studentin)
  • Prof. em. Thomas Stocker: Klimaforschung und Politik
  • Prof. Hubertus Fischer: Abteilungsleiter Umwelt- und Klimaphysik

Raum 2: Leben im Dorf (erstes Obergeschoss rechts)

Eine großformatige Doppelprojektion taucht uns in die Welt von Kullorsuaq ein, einem Dorf im hohen Norden. Die rund 400 Menschen leben von Fischfang und Jagd. Hier wird der international gehandelte Heilbutt mit traditionellen Methoden gefangen und im Dorfkühlhaus gelagert. Es gibt Internet, Netflix und Coca-Cola, jedoch kommen staatliche Investitionen in die dörfliche Infrastruktur nur spärlich an. Der touristische Boom aus dem Süden bleibt hier aus. Lebensmittel werden im Sommer durch Versorgungsschiffe angedient. Air Greenland fliegt zwei- bis dreimal wöchentlich nach Kullorsuaq. Das Dorfleben findet statt in Vereinen, der Schule und in der Natur.

Interviews mit:

  • Atsiannaguaq Olsen: Student und Musiker
  • Justine H. Olsen: Schneiderin
  • Jonas Kristinsen: Jäger und Champion Hundeschlitten-Rennen
  • Martin Olsen: Gemeindearbeiter und Jäger
  • Meqo Jensen: Schulvorsteherin und Lehrerin
  • Brigitta Kammann Danielsen: aus Deutschland zugezogene Sozialarbeiterin und Lehrerin

Raum 2: Leben und arbeiten in Nuuk (erstes Obergeschoss rechts)

Nuuk ist eine Boom-Town. Impressionen des Stadtlebens werden mit beeindruckenden Bildern in einer großen Doppelprojektion vorgestellt. In Nuuk leben rund 20.000 Menschen, gut ein Drittel der gesamten grönländischen Bevölkerung. Die Hauptstadt besitzt einen Universitätscampus mit rund 700 Studierenden, Regierungsbauten und – wie nirgendwo sonst in Grönland – große Wohnblocks. In die Hauptstadt ziehen viele aus Berufsgründen oder weil ihre Dörfer in den 1970er Jahren geschlossen und die Bewohner:innen im Zuge der dänischen Assimilationspolitik zwangsumgesiedelt wurden. Nuuk ist auch der Ort, wo die Prägung durch Dänemark am spürbarsten ist und Grönländer:innen die Durchsetzung von Kalaallisut (Grönländisch) als Amtssprache und die Anerkennung der eigenständigen Identität erwirkt haben.

Interviews mit:

  • Seqininnguaq Qitura Hansen: Künstler:in und Aktivist:in
  • Merete Lindstrøm: Mediensprecherin „Royal Greenland“
  • Svend Hardenberg: Entrepreneur, Politiker und Schauspieler
  • Inunnguaq Petrussen: Musiker und Politikberater
  • Aka Niviâna Mørch Pedersen: Schauspielerin und Grönland-Rückkehrerin
  • Kim Jakobsen: Rapper und Life Coach
  • Arny Morgensen und Mala Johnsen: Unternehmer:innen des Streetwear Brands „Bolt Lamar“
  • Qupanuk Olsen: Bergbauingenierung und Influencerin
  • Nivi Christensen: Kuratorin, ehemalige Direktorin Kunstmuseum Nuuk

Raum 3: Julie Edel Hardenberg (Paneeraq) – zeitgenössische Kunst (erstes Obergeschoss links)

Der zeitgenössischen Künstlerin ist eine Überblicksschau ihres Werkes gewidmet, das zum ersten Mal in Deutschland präsentiert wird. Hardenberg verwendet nationale Symbole, wie die Fahnen Grönlands und Dänemarks, und näht in sie kulturell zugeschriebene, schwarze oder blonde Haare ein. Der Stellenwert von Sprache, auch die von Minderheiten, ist für Hardenberg immer wieder ein zentrales Thema. Sprache birgt Erinnerung, Geschichte und Zugehörigkeit einer Gemeinschaft. Und so kämpft die Künstlerin programmatisch gegen den Verlust und die Überformung von Kalaallisut als Zugehörigkeitsraum.

„My mother was born under the Danish flag – Dannebrog, while Greenland was a colony. I was born under the Danish flag – Dannebrog, while Greenland was a Danish county. My children were born under the Greenlandic flag – Erfalasorput, while we had Greenland Home Rule Government. Three generations. Three paradigms.“ – Julie Edel Hardenberg

Grönland wird Grünland (erstes Obergeschoss links)

Den Raum erweitert das Thema der Klimaerwärmung. Diese verändert Grönland und seine Landschaften massiv. Im Südwesten des Landes schafft sie neue Voraussetzungen für die Nutzung des eisfrei werdenden Landes. Die Landwirtschaftliche Schule in Upernaviarsuk, experimentiert mit neuen Anbaumethoden. Gemüseanbau, Baumpflanzungen, aber auch der Anbau von kälteresistenter Gerste haben in Grönland eine Zukunft. Das Land strebt nach einer wachsenden Autarkie von ausländischen Importen.

Interviews mit:

  • Ellen Frederiksen: Lehrerin, B&B Gastgeberin und Schafbäuerin
  • Kim Neider: Agronom und Leiter Experimental Farm
  • Tupaarnaq Kreutzmann Kleist: Schafbäuerin, Jägerin und Ex-Skirennfahrerin

Raum 4: Grönland Live (zweites Obergeschoss, erster Saal)
Der Ausstellungsraum ist der zentralen Bedeutung von Musik für das Grönländische Kulturleben gewidmet. In unterschiedlichen Filmen hören Besuchende Musiker:innen zu, die durch Rock und Pop, Polkaklänge, Hip-Hop, Rap und traditionelle Lieder Geschichten erzählen, was heute Grönland ist. Musik ist ein Ausdruck des Identitätsbewusstseins und oft explizit politisch. Obwohl die Menschen an der West- und Ostküste nicht die gleiche Sprache sprechen, hält sie die auf Kalaallisut gesungene Musik zusammen. In der «Silent Disco» kommen Musiker:innen aus Grönland mit ihrer Kunst zu Wort.

Raum 5: Bergbau und das große Geld (zweites Obergeschoss, letzter Saal)

Ein großformatiger Film präsentiert Bilder der gewaltigen Bergbauaktivitäten, die in Grönland heute geplant werden. Das Dilemma um nachhaltige Energie zeigt sich spätestens bei der Rohstoffförderung, die weltweit für die Herstellung von Hochleistungsmagneten und Batterien für Elektromotoren nötig sind. Die Förderung schafft enorme Zerstörungen von Natur und Landschaft. Grönland, das selbst nur wenige gebaute Autostraßen und kaum Windturbinen besitzt, verfügt über große Vorkommen Seltener Erden. Auf diese Bodenschätze zielen die USA und Europa, um weniger abhängig von China zu werden.

Interviews mit:

  • Hans Hinrichsen: Leiter Greenland School of Minerals & Petroleum
  • Mariane Paviasen: Politikerin und Umweltaktivistin
  • Malik Vahl Rasmussen: Grönlandeis-Exporteur
  • Naaja H. Nathanielsen: Ministerin der grönländischen Regierung für Bergbau
  • Greg Barnes: Geologe und Investor, Initiator des Tanbreez-Projekts

Tourismusboom und Wachstum (zweites Obergeschoss, letzter Saal)

Was bedeutet Tourismus für Grönland? Kreuzfahrtschiffe und Flugverbindungen führen nach Ilulissat, weil hier die größten Eisberge zu sehen sind, die über den Kangia-Eisfjord in die Diskobucht gelangen. Seit 2004 ist die Bucht ein UNESCO-Weltnaturerbe. Für die Verlängerung der Fluglandebahn von 800 Meter auf 2,2 Kilometer wurde eine Bergkuppe weggesprengt und die Bucht mit Millionen von Kubikmetern Fels aufgefüllt. Der Ort setzt auf Wirtschaftswachstum. Die wachsende Zahl an Tourist:innen jedoch verursacht ein steigendes Problem der Müll- und Abwasserentsorgung.

Interviews mit:

  • Matthias Burkert und Matthias Hütter: Deutsche Outdoor-Touristen
  • Flemming Bisgaard: Logistikunternehmer
  • Nukaaka Lund-Mathæussen: Ingenieurstudent Gebäudetechnik
  • Looqi Schmidt: Jäger und Dozent an der Hochschule für Sozialpädagogik
  • Ulrik Amdi Sørensen: Chefmanager Vier Sterne Hotels „Arctic“
  • Zhiling Xiong und Lu Jiao: Tourist:innen aus Boston, USA

    Bildnachweis: 2025, Ausstellungsansicht „Grönland. Alles wird anders”, ALPS Alpines Museum der Schweiz, Courtesy: ALPS Alpines Museum der Schweiz


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