1. Oktober 2026 – 10. Januar 2027
Schirn Kunsthalle


DIE BIENE ALS KO-PRODUZENTIN: DIE SCHIRN PRÄSENTIERT ERSTMALS IN DEUTSCHLAND DIE KUNST DER BILDHAUERIN ANNA HULAČOVÁ

PRESSEVORBESICHTIGUNG: 30. SEPTEMBER 2026, 11 UHR

Die figurativen Skulpturen von Anna Hulačová verbinden Einflüsse von Surrealismus, Sozialistischem Realismus und tschechischer Volkskunst zu einem eigenständigen Kosmos. Vom 1. Oktober 2026 bis zum 10. Januar 2027 zeigt die Schirn Kunsthalle Frankfurt anlässlich des tschechischen Gastlandauftritts auf der Frankfurter Buchmesse die erste Einzelausstellung der Künstlerin in Deutschland.

Hulačová, die auf einem Bauernhof aufwuchs, schöpft ihre Kunst aus einer tiefen Verbundenheit mit Pflanzen und Tieren. Das Verhältnis von Mensch, Natur und Technologie erkundet die Künstlerin aus ökofeministischer Perspektive. In ihren Arbeiten thematisiert sie den Verlust von Biodiversität, das Insektensterben und die Folgen industrieller Landwirtschaft. Die Biene – Sinnbild kollektiver Arbeit, ökologischer Krisen und mystischer Unsterblichkeit – ist zentrale Metapher ihrer Werke und nicht nur das: Hulačovás Arbeiten entstehen in Ko-Kreation mit ihren eigenen Bienenvölkern. Gemeinsam mit diesen lässt die Künstlerin hybride Wesen und gesichtslose Science-Fiction-Figuren entstehen, in denen Beton und Bienenwaben, Organisches und Technoides, Natur und Maschine verschmelzen.

Die Schirn zeigt Skulpturen, Reliefs und Installationen, die zum großen Teil eigens für die Ausstellung entstanden. Der Titel der Schau bezieht sich auf die Figur der Abundantia, die in der römischen Mythologie für Wohlstand und Überfluss stand. Ihr Attribut, das Füllhorn, schüttet seinen Reichtum auf magische Weise aus, während die aufgewendeten Ressourcen, Mühen und die Arbeit, auf die sich Wohlstand stützt, unsichtbar bleiben.

SEBASTIAN BADEN, DIREKTOR DER SCHIRN: „Anna Hulačová ist eine der interessantesten Künstlerinnen der jüngeren Generation in Tschechien, die in Auseinandersetzung mit dem Erbe der sozialistischen Bildtradition ebenso wie und der daraus entstandenen Kulturlandschaft eine wichtige Perspektive entwickelt. Mit seiner unverwechselbaren Handschrift zeugt ihr Werk von einem ausgeprägten Bewusstsein für drängende Themen wie die Industrialisierung der Landwirtschaft, die Folgen der Monokultur oder die Verarmung der Biodiversität.“

MARTINA WEINHART, KURATORIN DER AUSSTELLUNG: „Anna Hulačová widmet sich unserem entfremdeten Umgang mit der Natur. Die Kunst der ausgebildeten Holzbildhauerin entsteht in einem ungewöhnlichen Prozess der Ko-Kreation zusammen mit ihren Bienenvölkern, die ausschwärmen und die Hohlräume ihrer Skulpturen mit ihren Waben ausbauen. Hulačová verbindet diese Werke zu Science-Fiction-Tableaus einer ökofeministischen Zukunft, die Utopie und Dystopie, Antike und Gegenwart, Mythos und radikale Gegenwart vereinen.“

Anna Hulačová präsentiert in der Schirn zwei installative Settings. Der erste Ausstellungsraum zeigt wuchtige Beton-Maschinen wie Engine (2026) oder Big Machine (2026). Von der Decke hängen ebenfalls aus Beton gegossene Reliefs, die mit feinen Zeichnungen aus Grafit versehen sind und mit geschnitztem Lindenholz kombiniert oder durch Bienenwaben ergänzt werden.
Hulačová bezieht sich hier auf vielfach an sozialistischen Bauten anzutreffende Reliefs und verwendet aus diesem Kontext vertraute Motive oder Formen wie etwa aufstrebende Ähren. In der Schirn verbindet die Künstlerin diese mit den Skulpturen Alien Bees (2021 und 2026) – insektenhafte Gestalten, die humanoide Merkmale tragen und an Comics der 1950er-Jahre oder Science-Fiction-Filme erinnern.

Im zweiten Ausstellungsraum ist die Neuproduktion Still Life / Still Alive (2026) zu sehen, ein Lebensmittel-Förderband vor metallischen, klinisch wirkenden Wänden. Figurinen von Arbeiterinnen sind im Raum verteilt. Am Ende des Förderbandes haben sich Früchte zu einem Berg aufgestaut, eine Arbeiterin versucht der Fülle der Produkte mit einem Quirl beizukommen. Es sind auch Referenzen auf Darstellungskonventionen der westlichen (männlichen) Kunstgeschichte, in denen Frauen vielfach mit einer üppigen Fülle von Früchten verbunden wurden, wie etwa in Marktszenen des 16. Jahrhunderts. Zugleich verweist die Künstlerin auf die nicht nur historische Dimension der Ausbeutung (weiblicher) Arbeitskraft in der arbeitsteiligen und maschinengestützten Produktionskette der Lebensmittelerzeugung bis hin zur Lebensmittel verarbeitende Verbraucherin. Die zweite Arbeit im Raum, After Bugonia (2025), adressiert die Milchwirtschaft. Drei Arbeiterinnen mit Gummistiefeln, Arbeitskitteln und Kopftüchern erinnern in Habitus und Ästhetik an die Figurativität des Sozialistischen Realismus. Die totalitäre Kunst propagierte den Archetypus der Mutter mit Begriffen wie Land, Erde, Fruchtbarkeit. Die Köpfe der Arbeiterinnen sind gesichtslos oder mit Bienenwaben ausgefüllt. Der Titel After Bugonia entstammt dem antiken Mythos, dem zufolge Bienenvölker aus den toten Körpern von Stieren geboren wurden (Bugonie). Über das Motiv der Biene entsteht ein vielschichtiger Referenzkreis. Nicht zuletzt steht die Biene als weibliches Kollektiv mit Redewendungen wie „tüchtig wie eine Biene“ auch für die unsichtbare weibliche Arbeitskraft vieler Frauen in den unterschiedlichsten Gesellschaften.

ANNA HULAČOVÁ (* 1984 in Sušice, Tschechische Republik) absolvierte ein Kunststudium an der Akademie der Bildenden Künste in Prag im Studio of Intermedia Work II unter Jiří Příhoda. Ihre Arbeiten waren international in zahlreichen Institutionen zu sehen, darunter das CEEAC in Straßburg, die Nationalgalerie Prag, die Galeria Arsenał in Białystok und das Brno House of Arts,
das MO.CO. Montpellier, das Centre Pompidou in Paris, die Fondation Louis Vuitton in Paris, die Liberec Regional Gallery, die Východoslovenská Galéria in Košice, das Casino Luxemburg, die Galerie der Stadt Prag und die Galerie der Stadt Danzig, sowie auf der Art Encounters Biennial 2021 in Timișoara, der Aichi Triennale 2019 in Japan, der Baltischen Triennale 13 und der 22. Videobrasil Biennial in São Paulo.

SCHIRN PAPER Am neuen Standort der Schirn erscheint dreimal jährlich das neue Printmagazin SCHIRN PAPER. Es ergänzt das online kostenfrei verfügbare SCHIRN MAG. Zu der Ausstellung „Anna Hulačová. Abundantia“ erscheint im Herbst 2026 die 4. Ausgabe des SCHIRN PAPER mit Beiträgen von Atelier Goldstein, Theresa Dettinger, Franz Essl, Alyce Mahon, Martina Weinhart u. a. Die deutsch–englische Ausgabe hat 80 Seiten, ca. 95 Abbildungen und misst 22,5 × 30 cm. Sie kostet 10 € und ist unter schirn.de/abo auch im Abo erhältlich.

ARTIST TALK
DONNERSTAG, 1. OKTOBER, 19 UHR
Die Künstlerin Anna Hulačová und die Kuratorin Martina Weinhart sprechen in der Ausstellung über
das Projekt.
In englischer Sprache, Eintritt mit gültigem Ausstellungsticket.

Bildnachweis: Anna Hulačová, Bouquet, 2024, hand-carved linden wood, concrete, honeycomb, 60 x 100 x 40 cm © Anna Hulačová, courtesy of private family collection, Italy, Foto: Michal Czanderle


SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT
Gabriel-Riesser-Weg 3
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Tel.: +49 (0)69 29 98 82-148
E-Mail: presse@schirn.de
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