4. Oktober 2026 – 7. März 2027
Kunstmuseen Krefeld, Haus Esters


Slavs and Tatars kuratieren neue Ausstellung zu Handwerk, Arbeit und Körperlichkeit in Haus Esters

Im Rahmen von HLHE Dialog: Kunst x Handwerk und parallel zur Ausstellung „Kunst Hand Werk Brücke“ (mehr Infos zu beiden Ausstellungen HIER) – Katia Baudin seit 10 Jahren Direktorin der Kunstmuseen Krefeld

Pressekonferenz: 1. Oktober 2026, 11 Uhr, Haus Esters
Eröffnung: 4. Oktober 2026, 11.30 Uhr, Haus Lange und Haus Esters
Künstlerische Leitung: Katia Baudin
Projektassistenz: Linn Gesche Küster
Die Kurator:innen und Künstler:innen werden anwesend sein.

Ausgangspunkt für den Dialog mit dem international renommierten Künstlerkollektiv Slavs and Tatars ist die Ausstellung Kunst Hand Werk Brücke in Haus Lange. Nachdem sie bereits in Haus Esters im Jahr 2019 als Künstler:innen ausstellten, kehrt das international renommierte Kollektiv Slavs and Tatars mit der Ausstellung Handdschob nun als Kurator:innen zurück. Darin verstehen sie Handwerk als einen Bereich, in dem Arbeit, Sexualität und Identität aufeinandertreffen. Handdschob ist vom 4. Oktober 2026 bis zum 7. März 2027 im Rahmen des HLHE Dialog: Kunst x Handwerk in Haus Esters zu sehen. Mit neun künstlerischen Positionen aus sieben unterschiedlichen Herkunftskontexten eröffnet die Ausstellung einen disziplinübergreifenden Dialog zwischen historischen und zeitgenössischen Vorstellungen von Handwerk.

Handdschob
bringt neun zeitgenössische Positionen zusammen – darunter auch die Kurator:innen, das Kollektiv Slavs and Tatars selbst, die mit eigenen Arbeiten vertreten sind und die Ausstellungsarchitektur entwickelt haben. Sie begreifen Handwerk nicht als Zelebrierung handwerklicher Meisterhaftigkeit, sondern als ein Feld körperlicher Erfahrung, gesellschaftlicher Regulierung und politischer Aushandlung. Der Titel Handdschob ist eine bewusste sprachliche Provokation und spielt auf die deutschen Begriffe „Handarbeit“ und „Handwerk“ an. „Handwerk“ bezeichnet dabei weit mehr als einen Vorgang des Herstellens: Der Begriff verweist auf eine tragende Säule der deutschen Wirtschaft, einen stark reglementierten Berufsstand und eine anerkannte gesellschaftliche Klasse. Handdschob bringt diese Assoziationen ins Wanken, indem die Ausstellung die Unordnung, die Mühen und die harte Arbeit hinter idealisierten Vorstellungen von handwerklichem Können sichtbar macht. Anstelle perfektionierter und produktiver Körper rückt die Ausstellung Körper in den Mittelpunkt, die arbeiten, begehren, sich verändern und vorgegebene Rollen überschreiten. Keramik, Glas, Möbel, Malerei, Skulptur, Performance und Poesie werden zu Medien, um den Körper sowohl als Ort handwerklichen Schaffens als auch als eine Art Technologie zu untersuchen, durch die Individuen und Gemeinschaften fortwährend hervorgebracht werden.

„Ausgehend von der Ausstellung Kunst Hand Werk Brücke haben wir Slavs and Tatars eingeladen, aus heutiger Perspektive darauf zu reagieren. Sie sind dafür die ideale Besetzung: Sowohl die Brücke als auch Slavs and Tatars verbindet die Auseinandersetzung mit Handwerk, Kunst und Alltag ebenso wie die Idee, Kunst als Gemeinschaft zu denken und gemeinsam zu arbeiten. Mit Handdschob schaffen Slavs and Tatars einen zeitgenössischen Resonanzraum, in dem unterschiedliche kulturelle Perspektiven aufeinandertreffen und etablierte Erzählungen neu befragt werden. So entstehen unerwartete Verbindungen zwischen historischen Betrachtungen und Fragen der Gegenwart. Anlässlich meines 10jährigen Jubiläums als Direktorin der Kunstmuseeen Krefeld freue ich mich ganz besonders auf diese Ausstellung, die ja direkt mit der Ausstellung zum Thema „Brücke“ korrespondiert.“
Katia Baudin, seit 2016 Direktorin Kunstmuseen Krefeld

„Wir freuen uns, in diesem Fall sowohl als Kurator:innen als auch als Künstler:innen an die Kunstmuseen Krefeld zurückzukehren,  die sich seit Langem dafür einsetzen, die Ambivalenzen zwischen angewandter und bildender Kunst auszuloten. Mit Handdschob möchten wir den Begriff des Handwerks aus dem Sentimentalismus und Exotismus befreien, der das zunehmende Interesse am Handwerk in den vergangenen Jahren begleitet hat.“
Slavs and Tatars, Künstlerkollektiv

Künstler:innen, Performer:innen und Autor:innen aus China, Polen, Saudi-Arabien, der Ukraine, Deutschland, Ungarn und Aserbaidschan bringen historische und zeitgenössische Perspektiven auf das Verhältnis von Arbeit und Sexualität zusammen. Implantationen, Ableger, Übertragungen und körperliche Erweiterungen prägen die Ausstellung und entfalten sich sowohl als räumliche Umgebungen, die es zu bewohnen gilt, als auch als Erzählungen. Die Spannungen zwischen Kunst und Handwerk, Selbst und Anderem, Innovation und Tradition sowie Individuum und Kollektiv bilden das zentrale Motiv der Ausstellung.
 
Bekannt für die charakteristische Verbindung von Sprache, kultureller Archäologie und geopolitischer Analyse verwandeln Slavs and Tatars Haus Esters in einen Ort, an dem Handwerk nicht länger als eine feststehende Kategorie verstanden wird, sondern als umkämpfte kulturelle Praxis. In der klaren, ruhigen Architektur von Ludwig Mies van der Rohe inszeniert Handdschob eine provokante Begegnung zwischen Intimität und Produktion, Ornament und Arbeit, avantgardistischen Vorstellungen und den materiellen Realitäten, die diese überhaupt erst ermöglichen. Im Dialog mit Kunst Hand Werk Brücke in Haus Lange erweitert die Ausstellung den Blick auf das Handwerk – von der historischen Avantgarde bis in die Gegenwart.

Die beteiligten Künstler:innen

Shadi Al-Atallah (1994, Saudi-Arabien)
Die in London lebende Künstlerin Shadi Al-Atallah verbindet Zeichnung und Malerei, um den menschlichen Körper in Momenten der Veränderung, Verbindung und Verletzlichkeit zu untersuchen. Ihre Körperdarstellungen sind häufig fragmentiert oder verschwommen und scheinen miteinander und mit dem sie umgebenden Raum zu ringen. In ihren jüngeren Arbeiten beschäftigt sich Al-Atallah mit Löchern als Orten der Transformation. Von Schwarzen Löchern und der Unterwelt bis hin zu Körperöffnungen und Wunden untersucht sie, wie Leerstellen Grenzen auflösen und Identitäten verschieben können.

James Gregory Atkinson (1981, Deutschland/USA)
James Gregory Atkinson ist ein Künstler, dessen Praxis sich kritisch mit den komplexen Dimensionen afro-deutscher Identität und Schwarzer Erfahrung innerhalb etablierter kultureller Narrative auseinandersetzt. Seine Arbeiten beschäftigen sich häufig mit Schwarzer Männlichkeit, Widerstand und den kolonialen Geschichten, die in gegenwärtige gesellschaftliche Strukturen eingeschrieben sind. In Medien wie Videoinstallation und Sound kontextualisiert Atkinson historische Erzählungen neu und nutzt dabei häufig Musik als einen Raum für Erinnerung und Kritik.

Jan Bačynsjkyj (1991, Ukraine)
Jan Bačynsjkyj (geboren 1991 in Lwiw), ist ein ukrainischer bildender Künstler, Kurator und Filmregisseur, dessen Praxis darauf ausgerichtet ist, große gesellschaftliche Narrative zu hinterfragen. Dabei arbeitet sie/er mit der Methode der Induktion: Ausgehend von individuellen Erfahrungen versucht er, kollektive Erfahrungen zu erschließen und innerhalb von Widersprüchen Verbindungen herzustellen.

Egana Djabbarova (1992, Aserbaidschan/Russland)
Egana Djabbarova ist Dichterin, Wissenschaftlerin und Autorin. Ihr Debütroman My Dreadful Body erzählt vom schwierigen Erwachsenwerden einer jungen Frau in einer traditionellen aserbaidschanischen Gemeinschaft in Russland. Sie steht dabei unter dem Druck muslimisch-patriarchaler Normen und leidet zugleich an einer schwerwiegenden neurologischen Erkrankung. Das Buch wurde mit dem Hamburger Literaturpreis 2025 als Buch des Jahres ausgezeichnet.

Zishi Han (1990, China)
Zishi Hans künstlerische Praxis konzentriert sich auf Installation und umfasst eine Vielzahl von Medien, darunter Skulptur, Video und Performance. Aufgewachsen in Peking und mit Lebens- und Arbeitsaufenthalten in London und Frankfurt beobachtet Han die Architektur großmaßstäblicher urbaner Räume, in denen sich Machtstrukturen physisch manifestiert haben. Häufig ausgehend von der Erforschung transkultureller Figuren, Artefakte und Ereignisse entwickelt Han inszenierte Apparaturen, die vielschichtige räumliche Erfahrungen ermöglichen.

Wei Yang (1994, China)
Wei Yang (geb. 1994 in Liuzhou) lebt und arbeitet zwischen Liuzhou und Frankfurt am Main. Er studierte an der Städelschule und erwarb einen MFA am Sandberg Institute. In Malerei, Skulptur und Performance untersucht Yang menschliche Lebensbedingungen als fluide, von Migration geprägte Geografie, die sich fortwährend durch Erinnerung verändert. Indem er Intimität, Zugehörigkeit und Verbundenheit miteinander verschränkt, entwickelt er hybride Bildwelten, die aus Folklore, Mythologie, marginalisierten Geschichten und persönlichen Landschaften hervorgehen.

El Kazovszkij (1948–2008, Ungarn)
El Kazovszkij zählt zu den bedeutendsten ungarischen Künstler:innen der vergangenen fünf Jahrzehnte.
Sie entwickelte eine reichhaltige, theatral anmutende Welt, in der persönliche Charaktere, Subjektivität, klassische Mythologie und Philosophie ineinandergreifen. Bühnenartige Räume und Kulissenelemente, Zypressen, Schornsteine, Felsen und Vorhänge verweisen auf das Theater; im Zentrum steht dabei die Geschichte einer andauernden, unerfüllten Sehnsucht. Gesichtslose Torsi, Ballerinen, halb Mensch, halb Hund gestaltete Wesen, die Moiren, Venus, Pygmalion und Galatea gehören zu den Figuren, die ihre Kosmologie der Sehnsucht bevölkern.

Nadia Markiewicz (1992, Polen)
Nadia Markiewicz ist bildende Künstlerin, Performerin und Schöpferin räumlicher Installationen und Videoarbeiten. Ihre Praxis setzt sich aus autobiografischer Perspektive mit Behinderung auseinander und sucht nach Metaphern im surrealen Potenzial von Unterhaltung und visueller Massenkultur.

Kurator:innen der Ausstellung:
Slavs and Tatars

 
Slavs and Tatars arbeiten an den Schnittstellen von Sprache, Politik, Religion und Identität und schöpfen aus der geografischen und kulturellen Vielfalt Eurasiens als narrativem und visuellem Ausgangsmaterial für ihre umfassende künstlerische Praxis. Seit ihrer Gründung im Jahr 2006 setzen sie sich intensiv mit gesellschaftlichen Kontroversen auseinander und eröffnen neue Wege für den zeitgenössischen Diskurs. Dabei verbinden sie eine höchst eigenwillige Form der Wissensproduktion mit Populärkultur, spirituellen und esoterischen Traditionen, mündlich überlieferten Geschichten, modernen Mythen und wissenschaftlicher Forschung. Slavs and Tatars haben bislang mehr als fünfzehn Bücher veröffentlicht, zuletzt Simurgh Селф-Хелп (Self-Help) bei JRP Editions sowie ihr erstes Kinderbuch Azbuka Strikes Back bei Walther und Franz König. 2019 waren sie bereits Teil der Ausstellung Anders Wohnen in Haus Esters, die anlässlich des Bauhausjubiläums stattfand. Hierfür entwickelten sie die Arbeiten Honey Dew, Kitab Kebab (Modern Male Messiahs) und Soft Power, die sie zu einer raumgreifenden Installation verbanden und heute zur Sammlung der Kunstmuseen Krefeld gehören. 2020 eröffneten Slavs and Tatars die Pickle Bar, eine slawische Aperitivo-Bar und zugleich Projektraum wenige Häuser von ihrem Studio im Berliner Stadtteil Moabit entfernt. Darüber hinaus betreiben sie ein Residenz- und Mentoringprogramm für junge Kulturschaffende aus der Region.

ie begleitende Publikation erscheint auf Deutsch und Englisch bei grass publishers.

Die Kunstmuseen Krefeld danken dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, der Kunststiftung NRW und der Rudolf-August Oetker-Stiftung für ihre Unterstützung.

HLHE Dialog
Seit 2017 präsentieren die Kunstmuseen Krefeld mit der Reihe HLHE Dialog in den benachbarten Villen Mies van der Rohes die Gegenüberstellung von historischen und jüngeren beziehungsweise zeitgenössischen Positionen in Kunst, Design und Architektur, die das Erbe der Moderne immer wieder neu reflektieren. Parallel zu der Ausstellung in Haus Esters wird in Haus Lange die Ausstellung Kunst Hand Werk Brücke im Rahmen des HLHE Dialogs Kunst x Handwerk gezeigt.

Bildnachweis: James Gregory Atkinson, Zeitkapsel Transfarmer, 2021, Fotos, Dokumente, Bücher, verschiedene Materialien, Installationsansicht, 6 Friedberg-Chicago, Dortmunder Kunstverein


Haus Lange Haus Esters
Wilhelmshofallee 91–97
47800 Krefeld
kunstmuseenkrefeld.de

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