22. Februar bis 15. März 2026
Kunstverein Region Heinsberg


Eröffnung: Sonntag 22.02.2026 um 11:30Uhr

Malerei, Objekte

Vita
1959 geboren in Mannheim, Deutschland
1980-85 Studium der Malerei bei Prof. K. Arnold, Kunstakademie Karlsruhe
1985-88 Studium der Malerei bei Prof. M. Lüpertz, Kunstakademie Düsseldorf
1987/88 Meisterschüler

Im Folgenden wird das künstlerische Schaffen von Dag Seemann erläutert:

„Auszüge aus Gesprächen zwischen James Ganter und Dag Seemann

Seit jeher und im fortlaufenden Kontext der Kunstgeschichte stellt der Künstler Dag Seemann das klassische „Motiv-Hintergrund“-Szenario dar, wobei nicht ein Motiv, sondern mehrere, zum Teil widersprüchlich komponierte Motive vor einem abstrahierten Innenraum („…ich bewege mich zu 70 bis 85% in einem urbanen Raum und dessen Kontext“…) eingefroren zu sein scheinen in einer spannungsgeladenen Balance. Wie in einer aufgeschlagenen Zeitung oder einer Internet-Seite erkennt man auf einen Blick viele unterschiedliche Aspekte unseres (urbanen) Lebens wertgleich nebeneinander, bzw. wir bewegen uns täglich in unterschiedlichen Welten der Erfahrungen und der Informationen, die wir aber alle „aushalten“ müssen. Ein Beispiel ist das obige Bild -fp 02/15- (120 x 150 cm). Durch die sehr kräftige lokale Farbigkeit bzw. den starken Kontrasten kommen Seemanns Bilder teils auf den Betrachter zu, teils ziehen sie ihn in Farbräume hinein, welches eine suggestive Dynamik evoziert.

Schon seit den End-90ern entwickelte Seemann sog. Schaltplanzitate, die eine abstrahierte Essenz aus Elektronik und Halbleiterplänen darstellen und als kontrastierende Elemente die naturalistischen Motive herausfordern. So entstanden schon in den späten 1990ern zwischendurch reine Schaltplan-Bilder, die Seemann dann mit seinen komponierten Räumen verschmelzen ließ und sogenannte Hybrid-Bilder wie in dem Titelbild der Ausstellung im Kunstverein Heinsberg mit dem Titel Laboratory- (115 x 90 cm) zu sehen ist. Die Narrative der menschlichen Begierde und der Neugier werden in Codes umgewandelt oder vise versa. Diese Lineamente bilden eine kalte Ästhetik als Kontrast zu den anthroposbezogenen Motiven und Zitaten. Der Mensch mit seinen fetischhaften Dingen strebt nach einem Sinn und einer Ordnung in seiner Umgebung mit all den Irrungen und Widersprüchlichkeiten, während die maschinenhafte, verdeckte und kalte Übersetzung in Binär-Codes eine präzise abstrakte „Wahrheit“ darstellt. Ebenso virulent ist der alte Wunsch im Raum, einen Maschinen-Menschen zu kreieren (siehe: der schachspielende Türke, der Cyborg in“ Judge Dredd“, Frankenstein…), dessen Varianten die Literatur, Forschung, Industrie, Unterhaltungsmedien etc. faszinieren.

Diese Schaltplanzitate bzw. -lineamente wurden schon parallel seit 1999 ganz herausgenommen und als alleiniges Motiv vor farbigem Hintergrund in Bildern gefasst und seit 2020 ist eine größere Serie unterschiedlicher Formate entstanden. Beispiel hier: -playground- (160 x 130 cm). Vor diesen Bildern und Papierarbeiten ist der Betrachter fast-abstrakten Kompositionen ausgesetzt, in denen die Halbleiter-Schaltplan-Ästhetik als einzige Motivik vor einem Hintergrund auf unterschiedliche Folien/Ebenen eine rechtwinklige Bewegung in alle Richtungen möglich erscheinen lässt, als auch eine Bewegung in den Raum hinein erfahren lässt. Die fast schon brutalen klobigen Formen und Lineamente werden eingefangen in eine spielerische Anmut, die auch in den Titeln vergleichbarer Werke meistens mitschwingt Die in den Lineamenten inhärenten Binär-Codes sollen ja am Ende eine Aussage tätigen, die gemäß der Sprache wieder einen Sinn oder eine Emotion darstellt bzw. evoziert.  

In diesen wie links abgebildeten, am Computer skizzenhaft erstellten, Schaltplan-RaumBildern sind die früheren Raumbilder (siehe fp 02/15) und die reinen Schaltplankompositionen wieder vereint und erzeugen eine eigenartig futuristische Atmosphäre, wie hier das abgebilde Bild -there will be an intelligent species in outer space- (140 x 115 cm), so als wären die menschlichen Zitate und die umgebenden Räume nicht mehr auf der Erde, sondern in Outer Space oder in einer zukünftigen Welt. Die Titel sind aber so gewählt, dass ganz menschliche (banale) Erfahrungen damit verbunden sind, z.B.

-after work party“ (140 x 140 cm), welches auch in der Ausstellung im Kunstverein Heinsberg zu sehen ist.

Seit 2020 entnimmt Dag Seemann diese Schaltplanzitate aus dem Bildraum in den realen Raum. Ein Beispiel sind die Reliefs. Und auch diese ergeben zusammen mit sehr „menschlichen“ Titeln eine heitere als auch spannungsgeladene Kompositionen, die immer subkutan den Stellenwert der absoluten Mechanisierung zu den Gründen und Zielen für uns Menschen hinterfragt, wie hier in dem Titel -spring time- (118 x 78 x 3,5 cm), der allein durch die Farbigkeit dargestellt wird, die Lineamente aber eine rein sachliche Komposition ist.

Vom Relief ist es nicht mehr weit zu einem im Raum platzierbaren 3-dimensionalen Objekt. Wie hier im Beispiel -gossips- (57 x 48 x 41 cm), das, vordergründig durch die Farbwahl, als auch durch die „klumpenhafte“ Anordnung der Lineamente für den Betrachter als Gebüsch eingeordnet werden kann. Der Titel aber schlägt eine Pirouette zu dem Begriff Gossip (= Tratsch, Skandal, Geschwätz), denn im Elisabethanischen England des 16. Jh. wurden die Hofdamen als Gossips betitelt, die eben für den Tratsch am Hof beitrugen. Interessant ist auch die Verbindung mit bekannten Busch-Begriffen wie Buschfunk, Hinter-dem-Busch-Halten, hinter der Hecke wird getuschelt, …- also Informationen mit entsprechenden Wirkungen (Nebenwirkungen) entstehen scheinbar anonym aus dem „Nichts“ des Gebüsches, in heutiger Form eben Internet, TicToc, Facebook, WhatsUp etc. … Die Variationsmöglichkeiten der einfachen Lineamentik der Schaltplanzitate kostet der Künstler Dag Seemann voll aus, indem er auch an Personen und Gesichter erinnernde Reliefs und Plastiken erstellt, dinghafte Zeichen erahnen lässt, Medusen und Halbleiter zusammenführt oder, wie seit neuestem, Wörter und Begriffe in eine Halbleiterästhetik kleidet.

James Ganter                                           
London, Düsseldorf, 26.01.2026

Bildnachweis: Dag Seemann, Laboratory (115 x 90 cm)


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