PIA STADTBÄUMER „SEIT EINIGEN TAGEN BIN ICH GANZ UND GAR AUSSER MIR“
1. Mai bis 11. Juli 2026
Galerie Mathias Güntner
Die Feier der Ambivalenz
Auf dem Kopf des nackten Jungen liegt ein gefalteter Zeitungsartikel über den kürzlich verstorbenen Soziologen und Philosophen Jürgen Habermas, zwei rätselhafte Tattoos prangen auf seiner Brust, und in der Hand hält er eine Spielzeugpistole, die von einem darüber gestülpten Puppenmantel zu großen Teilen verdeckt wird. „Niedlich“ ist kein Adjektiv, das beim Betrachten von „Max“ in den Sinn kommt, und ihn mit den rationalen Diskursen herauszufordern, die Habermas als Basis einer demokratischen Gesellschaft erachtete, könnte zum Scheitern verurteilt sein. Wirkt „Max“ doch eher wie ein entfernter Verwandter des „Clockwork Orange“-Protagonisten Alex, dem anlasslose, ästhetisierte Gewalt zum Lebensinhalt geworden war.
Als Pia Stadtbäumer Ende der 1990er Jahre mit den „Max“- und „Clara“-Serien begann, ging es ihr um Kinderdarstellungen frei von Kitsch und Niedlichkeit. Die Bildhauerin interessierte sich vielmehr für „unsozialisierte“, „unschuldige“ Situationen, für einen Zustand vor dem Wirken von Erziehung und dem Ausbilden moralischer Kategorien. Ihre kindlichen Modelle sollten gerade nicht in ihrer Individualität portraitiert werden, Stadtbäumer lieh sich deren Äußeres gewissermaßen nur aus, um es als Projektionsfläche für das Experimentieren mit neuen Erzählungen zu nutzen. Spielerisch und intuitiv versieht die Künstlerin die aus Zellan gegossenen Kinderkörper mit unterschiedlichen Attributen, häufig zweckentfremdeten Kleidungsstücken und Gegenständen: ein Netzstrumpf und Holzkugeln, die als Spielzeug oder Waffe dienen könnten; ein ausgestopftes Lamm, das vielleicht christliche Ikonographie herbeizitiert, dazu die auf einen Spiegel gemalte Zahl 30. Welche Assoziationen Stadtbäumers skulpturale Inszenierungen auch immer wachrufen mögen – sie zu einer Narration zusammenzufügen, gelingt nicht unbedingt. Stattdessen verlangt die Künstlerin den Betrachtenden eine Fähigkeit ab, die heutzutage stark im Schwinden begriffen zu sein scheint: Ambivalenz aushalten. Schon als Kind sei das gleichzeitige Vorkommen von Gott und Teufel eine für sie entscheidende und äußerst prägende Einsicht gewesen, berichtet Stadtbäumer. Später trat die existenzialistische Lesart der Ambivalenz hinzu, nach der in einer sinnlosen Welt radikale Freiheit und absolute Verantwortung immer zugleich bestehen – eine Uneindeutigkeit, die den Menschen oft genug mit ethischen Dilemmata konfrontiert.
Auch die Serie der Köpfe aus Wachs, deren Anfänge ebenfalls in den 1990er Jahren liegen (Stadtbäumer erklärt Serien nicht für abgeschlossen, sondern kann sie jederzeit weiterführen), fordert die Ambiguitätstoleranz der Betrachtenden heraus: Wieder liegt der Fokus nicht auf der Darstellung des Individuellen, die Köpfe sind „zurückhaltend realistisch“ modelliert und leicht verkleinert. Die Bildhauerin hat an ihnen Eingriffe vorgenommen, ihnen Deformationen zugefügt, die teils abstrakt bleiben, teils ins Groteske überzeichnet sind, Verletzlichkeit und Nacktheit des menschlichen Gesichts treten umso stärker hervor. „Im Antlitz des anderen ist stets die Ahnung seines Todes präsent, und deshalb, in gewisser Weise, auch die Anstiftung zum Mord“, heißt es beim litauisch-französischen Philosophen Emmanuel Lévinas. Doch trage ebendieses Antlitz gleichzeitig eine Zerbrechlichkeit in sich, die Wohlwollen hervorrufe. „Das ist das Paradoxe daran: Das Antlitz steht auch für ‚Du sollst nicht töten!‘“ Den menschlichen Körper und das menschliche Gesicht nicht auf eine rein physische Realität zu reduzieren und die Spannung selbst maximaler Widersprüchlichkeit zu halten, ohne sie gleich auflösen zu müssen, lehrt Pia Stadtbäumers Werk gleichermaßen. Die zutiefst humanistische Haltung, die darin zum Ausdruck kommt, könnte eine Antwort sein auf die Verwerfungen der Gegenwart.
Text: Dagrun Hintze
Pia Stadtbäumer wurde 1959 in Münster geboren und studierte Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. 1990 das Peter Mertes Stipendium vom Bonner Kunstverein, 1993 den Förderpreis Bildende Kunst des Kulturkreises der Deutschen Wirtschaft im BDI, 1995 das Arbeitsstipendium der Stiftung Kunstfonds, 2019 den Karl Ernst Osthaus-Preis. Von 2000 bis 2025 war sie Professorin für Bildhauerei an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg.
Werke von Pia Stadtbäumer sind u.a. in folgenden Sammlungen vertreten: Lenbachhaus München, Pinakothek der Moderne/München, Montreal Museum of Fine Arts, Kunstsammlung NRW/Düsseldorf, Kunsthalle Hamburg, Kunstmuseum Freiburg, Castello di Rivoli/Turin, Denver Art Museum, MoMA/New York City, Museum Kunstpalast/Düsseldorf, Kelvingrove Art Gallery and Museum/Glasgow, Staatsgalerie Stuttgart.Die Ausstellung „Seit einigen Tagen bin ich ganz und gar außer mir“ ist Pia Stadtbäumers erste Einzelausstellung in der Galerie Mathias Güntner. Sie versammelt Arbeiten aus den letzten 30 Jahren. Der Ausstellungstitel entstammt einem Brief, den der Dichter Stéphane Mallarmé 1862 an einen Freund schrieb.
Bildnachweis: Pia Stadtbäumer Max, Lamm und Spiegel, 2000 // Zellan, ausgestopftes Lamm, Spiegel // Höhe 120 cm
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