FRANÇOIS JACOB „BEAUTY OF THE LIE“
12. Juni — 1. August 2026
Galerie Rehbein
François Jacob trägt Malerei wie ein Gefühl durch Leinwände hindurch, in denen stets ein episches Moment eingeschrieben ist. Doch während zuvor das Sujet selbst dieses Epische bestimmte, zieht es sich nun zunehmend zurück zugunsten einer konzentrierten Auseinandersetzung mit den Bedingungen des Bildes und der Malerei selbst. Das Dargestellte bleibt präsent, verliert jedoch an Eindeutigkeit. Figuren, Räume und Situationen erscheinen weniger als narrative Setzungen denn als Stellvertretende; als Ausgangspunkte malerischer Entscheidungen. Farbe, Fläche und Komposition lösen sich partiell vom Gegenstand und beginnen, ein Eigenleben zu entwickeln.
Besonders deutlich wird dies im Umgang mit Farbe. Sie hält sich nicht mehr an die Grenzen der Form, sondern tritt aus ihr heraus, verschiebt Konturen und überlagert Ebenen. Harte Kanten stehen neben diffusen Übergängen. Es entstehen Bildräume, die weniger kohärent erscheinen als vielmehr gefaltet, gegeneinander verschoben oder ineinander geschichtet. Darin klingt eine Nähe zur Collage an, ohne dass das Medium selbst verlassen wird.
Der Bildraum bleibt bestehen und wird zugleich unterlaufen. Perspektive, Konstruktion und Tiefenillusion destabilisieren sich durch die Mittel der Malerei selbst: durch sichtbare Schichtungen, angedeutete Raster,
Verzerrungen und farblich aufgeladene Ränder, die an fotografische Überbelichtungen oder starke Kontrastierungen erinnern. In dieser Bewegung gewinnt die Malerei eine neue Direktheit. Sie zeigt nicht nur etwas, sondern macht sichtbar, wie dieses Etwas entsteht. Geste, Spur und Oberfläche treten in den Vordergrund und behaupten sich als eigenständige Bedeutungsträger.
Jacob verfolgt damit eine Form malerischen Hedonismus: eine Praxis, in der die sinnliche und materielle Qualität des Bildes nicht länger dem Motiv untergeordnet ist, sondern ihm gleichgestellt wird. Die Malerei verweigert die eindeutige Lesbarkeit zugunsten einer Erfahrung, die zwischen Konstruktion und Auflösung, zwischen Setzung und Täuschung pendelt. Sichtbar wird dabei nicht zuletzt die Schönheit des Unstimmigen.
Ein Bild, das seine eigene Schaffung offenlegt und gerade darin seine Kraft entfaltet.
Jacobs neue Bilder zeugen somit von einer Schönheit, die in der Lüge und Illusion eines jeden Bildes liegt.
Denn jedes Bild bleibt letztlich ein Abbild: nicht das Subjekt selbst, sondern dessen Verschiebung in Farbe, Fläche und Geste. Die Malerei lebt von dieser schönen Täuschung.
François Jacob spielt mit Täuschung und Enttäuschung, indem er Motive andeutet und zugleich verrät, was ihnen zugrunde liegt: die Malerei selbst. Indem Jacob die Mittel der Malerei sichtbar macht, verschwindet die Illusion nicht, sondern intensiviert sich. Gerade darin entfaltet sich jene „Beauty of the Lie“, von der Jacob spricht. Pigment wird zu Haut, Licht zu Erinnerung und Fläche zu Tiefe. Diese Schönheit der Lüge zeigt sich in jeder Geste der Malerei, selbst dann, wenn sie etwas Ehrliches zeigt: eine Hand führt die andere, Menschen suchen gemeinsam nach einer Quelle, einem Schatz oder nach Nähe. Intimität und etwas zutiefst Privates scheinen durch die Bilder hindurch. So wie auch die Farben aus sich selbst verstärkt hervorgehen, sich von Konturen lösen und zu oszillieren beginnen.
So versucht die Malerei stets, uns etwas zu zeigen, und sagt dabei oft mehr Wahrheit als das Sichtbare selbst. François Jacob lässt die Malerei sich selbst offenbaren. In seinen Bildern verwandelt sich Wirklichkeit in etwas Weicheres, Fremderes und Sehnsüchtigeres. Die Lüge der Malerei ist dabei kein Betrug, sondern eine Einladung: an den Blick, an die Vorstellungskraft, an das Verlangen, die Welt und die Geschichten eines Lebens nicht nur zu sehen, sondern sie neu zu empfinden. Somit liegt die Schönheit ihrer Lüge gerade darin, dass sie im Moment ihrer Offenbarung zu etwas Ehrlichem wird.
Elisa Mosch, 2026
Bildnachweis: Young Boy, 2026, Öl auf Leinwand, 23 x 18 cm
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