DER FANTASTISCHE GERHARD ALTENBOURG
12. Mai bis zum 16. August 2026
Lindenau-Museum Altenburg
Ausstellung zum 100. Geburtstag des bedeutenden Altenburger Künstlers Das Lindenau-Museum Altenburg ehrt mit Gerhard Altenbourg (1926-1989) einen der bedeutendsten deutschen Grafiker und Raumgestalter der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der auch ein originelles literarisches Werk hinterlassen hat: Anlässlich seines 100. Geburtstages in diesem Jahr präsentiert das Museum in der Ausstellung „Der fantastische Gerhard Altenbourg“ vom 12. Mai bis zum 16. August 2026 herausragende Werke des Künstlers im Prinzenpalais des Residenzschlosses. Neben Arbeiten aus dem eigenen Bestand und der Stiftung Gerhard Altenbourg werden auch herausragende Leihgaben gezeigt, die die einzigartige Bildwelt des Künstlers illustrieren.
Fantastisches im Prinzenpalais
Die Jubiläumsausstellung „Der fantastische Gerhard Altenbourg. Ausstellung zum 100. Geburtstag“ bildet einen Querschnitt des künstlerischen Schaffens Gerhard Ströchs ab, der sich seit Mitte der 1950er-Jahre den Künstlernamen Altenbourg gab. Gezeigt wird eine ganze Reihe sehr bekannter Werke des Grafikers, Raumgestalters und Dichters, darunter Drucke, Zeichnungen und Metallarbeiten, die oftmals einen engen Bezug zu dem zum Gesamtkunstwerk umgestalteten Wohnhaus im Altenburger Braugartenweg aufweisen. Der Fokus liegt zugleich auf fantastischen Darstellungen, die auf vielfältige Weise Altenbourgs Inspiration durch die klassische Moderne offenlegen. Groteske Gestalten und Traumfiguren bewegen sich durch bizarre Landschaften; sie erstaunen und verwundern die Betrachtenden.
Der Name der Ausstellung kommt dabei nicht von ungefähr: Unter dem Eindruck des „Fantastischen“ widmet sie sich in thematischen Schwerpunkten den Traumfiguren und Figurenensembles, dem Farbenrausch im Werk Altenbourgs, den Landschaften sowie dem Allerkleinsten und Mikroskopischen jeweils gepaart mit der ganze eigenen Bildsprache des Künstlers.
So zeigt die Ausstellung Arbeiten, die sich realistischen Naturdarstellungen und dem Eindeutigen entziehen. Es werden groteske Körperformen und Mischwesen in seltsamsten Konstellationen präsentiert. Dabei bewegt sichdas Dargestellte zwischen Abstraktion und Figürlichkeit und spiegelt zugleich existenzielle Zustände wie Angst, Isolation und Verletzlichkeit wider. In einigen Exponaten begegnen sich Paare und Gruppen als einzelne Wesen, die miteinander in Interaktion treten: Sie stehen sich gegenüber, wenden sich ab oder treten leise in Beziehung. Spätere Werke zeichnen sich durch eine zunehmend farbige Struktur aus und kippen ins Fantastische. Als Meister der grafischen Künste legte Gerhard Altenbourg besonderen Wert auf die Wirkmächtigkeit der Farbe. Mit feinsten Stiften, Federn und Pinseln komponierte er übereinanderliegende Farbschichten, die ein „Flimmern der farbigen Teile“ erzeugen, was sich in ausgewählten Ausstellungsstücken zeigt. Ebenso präsentiert die Schau Werke aus dem Nachlass des Künstlers, die ganz andere Verfahren der Farbgebung bezeugen, darunter Klecksbilder und Abreibungen.
Die Darstellung von Landschaften stellt einen weiteren Schwerpunkt innerhalb der Ausstellung dar. Inspiriert von Gesteinsformationen kreierte er Hügellandschaften und kulissenartige Hintergründe, die mit Figuren und floralen Elementen verschmelzen. Die Darstellung geologischer Schichtungen symbolisiert Zeit und Vergänglichkeit, zeigt zugleich die Begrenztheit des Lebens auf und mahnt zudem vor zerstörerischem menschlichem Verhalten.
Dass Altenbourgs Arbeiten eine besondere Detailverliebtheit innewohnt, lässt sich leicht in vielen seiner Werke – ob abstrakt oder figürlich – erkennen. Besonderer Ausdruck dieser Arbeitsweise sind jedoch jene Werke, in denen sich kleinste Linien und Punkte zu vibrierenden Feldern zusammenschließen. Er selbst bemerkte, dass diese Arbeiten „für die Nah- und Fernbetrachtung zugleich gemacht“ seien. Hier klingen antike und fernöstliche Mythen an.
Mit den in der Ausstellung „Der fantastische Gerhard Altenbourg“ vereinten Exponaten wird eine neue Perspektive auf das Œuvre eines Künstlers eröffnet, der sich stets um Unabhängigkeit bemühte und sich damit von vielen seiner Zeitgenossen abgrenzte. Das Werk Altenbourgs lädt dazu ein, in eine Bildwelt voller Neuentdeckungen und Überraschungen einzutauchen – poetisch, doch frei von Pathos. Die Ausstellung ist ein guter Ausgangspunkt für diesen Tauchgang.
Neben der Stiftung Gerhard Altenbourg konnten für die Ausstellung u. a. auch die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und die Sammlung Drechsel, Dresden, als Leihgeber gewonnen werden.
Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft des Thüringer Landtagspräsidenten Dr. Thadäus Rudolf König.
Die Arbeitsweise des Künstlers
Gerhard Altenbourg arbeitete wochen- oder monatelang an seinen Werken und legte dabei Zeichenschicht um Zeichenschicht übereinander. Die Arbeit an mehreren Werken gleichzeitig war dabei nichts Ungewöhnliches. Auch der Zufall spielte bei der Werkentstehung keine unerhebliche Rolle, sodass Figuren zu Beginn eines Arbeitsprozesses mitunter ohne Bezug zueinander angeordnet waren. Erst durch die einzelnen Arbeitsschritte zwischen längeren Pausen wurden diese „Lücken“ gefüllt und Zusammenhänge hergestellt.
Dieser kreative Prozess erfolgte stets in seinem Arbeitszimmer im Haus im Altenburger Braugartenweg. Das Zeichnen war von Akribie geprägt, prozesshaft, meditativ und auch religiös motiviert. Altenbourg selbst sagte: „Wenn ich zeichne, trete ich aus der Zeit heraus.“ Überraschend ist dabei, mit welchen Mischtechniken sowie teils schwer zugänglichen und hochwertigen Materialien er gearbeitet hat.
In der bilderübersättigten und schnelllebigen Gegenwart bietet Altenbourgs Kunst eine Gegenwelt, die zum Innehalten anregt. Dabei sind es nicht nur die fantastischen Formen, welche die Betrachterinnen und Betrachter in ihren Bann ziehen; auch die Titel der Werke versprühen ihren Zauber. Sie lehnen sich an bestimmte Begriffe an oder beziehen sich auf Zitate aus der Weltliteratur oder der Philosophie, eröffnen Deutungsspielräume und regen zum Fragenstellen an.
Neben der Literatur waren es auch seine Wanderungen und (nächtlichen) Spaziergänge, die oftmals über die Hellwiese am Großen Teich in Altenburg bis zu den sogenannten Paditzer Schanzen führten, die ihm als Inspirationsquellen dienten.
Biografisches
Gerhard Altenbourg (eigentlich Gerhard Ströch) wurde am 22. November 1926 im thüringischen Rödichen-Schnepfenthal bei Gotha geboren. Ab 1929 lebte seine Familie in Altenburg. Von 1944 bis 1945 leistete er seinen Militärdienst, von dem er schwer krank und gezeichnet nach Altenburg zurückkehrte. Unmittelbar darauf folgten erste schriftstellerische Tätigkeiten. Er nahm Unterricht bei dem Altenburger Künstler Erich Dietz und begann ein Studium an der Hochschule für Baukunst und Bildende Kunst in Weimar. Dort wurde er vorzeitig exmatrikuliert.
In Anlehnung an seine Heimatstadt nannte er sich seit 1955 Gerhard Altenbourg. Es folgten erste Ankäufe durch das Lindenau-Museum und 1959 die Teilnahme an der „documenta 2“ in Kassel. In dieser Zeit begann auch die künstlerische Umgestaltung des Elternhauses und des Gartens. In den 1960er-Jahren folgten zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen, die ihn über die Grenzen der DDR hinaus bekannt machten (z. B. im Stedelijk Museum Amsterdam). Ab Mitte der 1960er-Jahre wurde er fortwährend durch die DDR-Kulturpolitik behindert.
1970 wurde Altenbourg Mitglied der Akademie der Künste in Berlin (West), 1977 folgte die zweite Teilnahme an der documenta. Bis zu seinem Tod 1989 folgten weitere wichtige Ausstellungsbeteiligungen im In- und Ausland.
Für sein Wirken wurde er mit dem Will-Grohmann-Preis und der Goldmedaille der Leipziger Buchkunstausstellung ausgezeichnet. 2002 gründete seine Schwester Anneliese Ströch die Stiftung Gerhard Altenbourg, die heute den Nachlass des Künstlers betreut, zu dem auch Haus und Garten gehören.
Gerhard Altenbourg zu Ehren verleiht das Lindenau-Museum Altenburg seit 1998 alle zwei Jahre den Gerhard-Altenbourg-Preis, den bedeutendsten Kunstpreis Thüringens. Mit der Vergabe zeichnet das Kuratorium ein Lebenswerk aus, wobei ein Bezug zum Schaffen Altenbourgs Bedingung für die Vergabe ist.
Schaufenster-Spaziergang: Altenburg entdeckt Altenbourg
Im Rahmen der Jubiläumsausstellung werden Leben und Werk des Künstlers an sechs Stationen im Stadtraum erlebbar gemacht: Der Schaufenster-Spaziergang „Altenburg entdeckt Altenbourg“ zeigt Schaufenster, die von dem Künstler Harald Reiner Gratz sowie von Schülerinnen und Schülern der Dietrich-Bonhoeffer-Schule Altenburg und von Kindern in einem Workshop der Kunstschule des Lindenau-Museum Altenburg gestaltet wurden. Alle neu entstandenen Arbeiten haben einen Bezug zum Werk des Künstlers Gerhard Altenbourg.
Der Schaufenster-Rundgang ist vom 5. Mai bis zum 23. August 2026 zu erleben.
Bildnachweis: Gerhard Altenbourg, Auch ein Mikrophon, 1973, Lindenau-Museum Altenburg (c) Stiftung Gerhard Altenbourg, VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: punctum, Bertram Kober
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