5. Juni bis 1. November 2026
PHOXXI – Haus der Photographie Temporär


»Schönheit ist eine Form von Würde – etwas, das durch Überleben, durch Ausdauer erscheint.«  –Akosua Viktoria Adu-Sanyah, 2026

Die deutsch-ghanaische Künstlerin Akosua Viktoria Adu-Sanyah (*1990) ist für ihre großformatigen, von Hand entwickelten Farbabzüge bekannt, in denen sie mit manuellen und chemischen Prozessen die Grenzen der Fotografie verschiebt. Die nicht fixierbaren Zustände im fotografischen Prozess, wie sie sich sonst nur in der Dunkelkammer abbilden, überträgt Adu-Sanyah in den Ausstellungsraum und bringt uns so in Kontakt mit dem Ungesehenen, Latenten und Prozesshaften der Fotografie. In Hamburg präsentiert die Künstlerin rund 20 neue großformatige Arbeiten aus ihrer neuen Serie »Residual Sky Under Contamination«. Landschaftsmotive, Figuren und Körper steigen aus einem intensiven, manchmal unerträglichen Rot auf – erstmalig um Grün- und Gelbtöne erweitert. Dem Gewicht des kolonialen Erbes begegnet Adu-Sanyah mit der intensiven Farbigkeit des analogen Prozesses.

Ausgangspunkt für ihre neue Serie sind historische Fotografien aus der British Empire & Commonwealth Collection in Bristol, aufgenommen am Geburtsort ihres Vaters im heutigen Ghana. Auf der Suche nach einer alternativen Erzählung löst Adu-Sanyah Himmel, Baumkronen und Landschaften aus ihrem kolonialen Kontext heraus und überträgt diese geborgenen Naturfragmente auf Farbnegative. So verschiebt sie die in die Archivbilder eingeschriebenen visuellen Hierarchien und löst sie von ihrer ursprünglichen Funktion der Repräsentation, um Raum für neue Interpretationen und Bedeutungsebenen zu schaffen. Es ist ein Arbeiten »mit dem und gegen das Archiv«, wie es die Autorin Saidiya Hartman in dem Essay Venus in Two Acts (2008) beschreibt.

ZUR KÜNSTLERIN Akosua Viktoria Adu-Sanyah (geb. 1990) ist eine deutsch-ghanaische Künstlerin, die in Zürich lebt. Sie arbeitet mit fotografischen Objekten, Installationen, Malerei und prozessorientierter Bildentwicklung. Zu ihren jüngsten Einzelausstellungen zählen »no flowers« im Centre culturel suisse. Paris, »Residual Sky« im Kunsthaus Glarus, »Corner Dry Lungs« im MMK – Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main und »The House Is a Body« beim Bristol Photo Festival sowie Präsentationen auf der Art Basel Hong Kong und im Foam Museum Amsterdam. Sie ist Preisträgerin des Swiss Art Award. Ihre Werke befinden sich in öffentlichen Sammlungen, darunter im Kunsthaus Zürich, im MMK und im Stedelijk Museum. 

RÄUMLICHE DIMENSION
Allein durch ihre schiere Größe von bis zu drei Metern Höhe entfalten Adu-Sanyahs Werke im Ausstellungsraum eine fast körperliche Dimension. Selten hängen ihre Arbeiten auf neutralen Trägern an der Wand. Vielmehr ist die jeweilige Konstruktion, auf denen sie befestigt sind – selbstgebaute Strukturen, Paneele oder Gerüste – elementarer Teil ihrer Arbeiten und deren Präsentation. So schaffen sie sich ihren eigenen Raum, anstatt ihn nur zu bewohnen. Für die Ausstellung in Hamburg kaschiert die Künstlerin ihre chromogenen Farbabzüge auf Aluminium, rahmt sie und verleiht ihren Werken auf diese Weise noch mehr Präsenz und Objekthaftigkeit. Es wirkt, als blicke man durch trübes Wasser, in das Geräusche und Licht gedämpft und abgetönt eindringen. Die Flüssigkeit berührt die Oberfläche des Auges, das Sehen oder Erkennen ist mühsam, und es stellt sich ein Raumgefühl von Einbettung und Distanz zugleich ein.

DER PROZESS: RISSE, NARBEN, REPARATUR
Der Blick bewegt sich über fotochemische Oberflächen und findet Narben, Risse und Lichtflecken im Material vor, die durch bewusste Eingriffe und Beschädigungen im noch feuchten Fotopapier entstehen. »Meine Prozesse beginnen oft als Versuche, etwas zu reparieren oder eine Beziehung zu dem aufzubauen, was zerbrochen und unversöhnlich ist.« Adu-Sanyah beschreibt ihre fotografische Praxis als einen Vorgang radikaler Aneignung, in dem sie durch den Akt des Schneidens Elemente der Archivbilder herauslöst, die Teile neu ausrichtet, vergrößert und zurück auf den Farbnegativfilm überträgt. Dadurch entstehen Farbfelder, Atmosphären oder Körper, die nicht mehr primär als historische Bilder funktionieren, sondern als etwas Offeneres und Fluideres.

»Ein wiederkehrendes Bild ist ein Porträt meines Urgroßvaters Wilhelm Schlüter in der deutschen Luftwaffe. Für mich fungiert dieses Foto weniger als historisches Dokument denn als eine Art Geist. […] Es stellt eine strukturelle Störung in meiner eigenen Existenz dar.«– Akosua Viktoria Adu-Sanyah

Unter den Spuren des Entwicklungsprozesses, die sich in das Bild eingeschrieben haben, scheinen die Umrisse eines Reichsadlers an der Uniform des Urgroßvaters auf. Hände treten als Schemen in den Bildern auf und lassen die körperliche Anstrengung der vielen Wiederholungen bei der Herstellung erkennen. Die dadurch bedingten Grenzen der Erschöpfung und mit ihnen verbundene Entschleunigung bilden einen bewussten Gegenpol zur scheinbar mühelosen endlosen Reproduktion, in die die Fotografie oft eingebettet ist.

Als Beitrag zur 9. Triennale der Photographie Hamburg und ihrem kuratorischen Rahmenkonzept »Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other« vollzieht »Residual Sky Under Contamination« die Auseinandersetzung mit »the Other« als Begegnung mit dem Anderen innerhalb der eigenen Familiengeschichte, der Figur des nationalsozialistischen Urgroßvaters.

Kuratiert von Nadine Isabelle Henrich, Kuratorin des Hauses der Photographie.
Kuratorische Assistenz: Viktoria Rochambeau, Kuratorisches Volontariat am Haus der Photographie

Bildnachweis: Akosua Viktoria Adu-Sanyah, Residual Sky, 2024-ongoing Installationsansicht Kunsthaus Glarus, 2026 © Akosua Viktoria Adu-Sanyah


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