9. Oktober bis 21. November 2026
Galerie Jarmuschek + Partner


Zum ersten Mal präsentiert die Galerie Jarmuschek + Partner die Arbeiten der Künstlerin Kubra Khademi in einer Einzelausstellung in Berlin. In der im Zentrum stehenden Serie Women in simple situations sind Frauen in Szenen zu sehen, die vordergründig privat anmuten. Sie liegen mit ausgebreiteten Armen auf einem Teppich, sind beim Tee im Gespräch oder klettern einen Baum hinauf. Glaubt man dem Titel der Serie, so befinden sich Kubra Khademis Frauenfiguren in ganz einfachen Situationen. Auf den zweiten Blick entpuppt sich dieser Titel als vielschichtiger Kommentar, der auf Menschenrechte und gesellschaftliche Utopien ebenso anspielt wie er einen bitter-ironischen Blick auf unsere bestehende Welt offenbart. Die Situationen, in denen sich die präsentieren Figuren befinden, dürften für die meisten Frauen weder alltäglich noch normal sein – denn sie sind fast alle nackt. Die Unbekleideten spucken, menstruieren, ringen mit einer Katze um einen riesigen Phallus oder flechten sich ihre Schambehaarung. Sexuelle Anspielungen und Geschlechtsdarstellungen wechseln sich mit Bildern schlicht-entspannter Existenz ab.

Spätestens mit dem Wissen um die afghanische Herkunft der Künstlerin wird die Brisanz und Sprengkraft dessen, was hier zu sehen ist, greifbar. Kubra Khademi beschreibt Afghanistan als Land, in dem Bilder von Frauen nicht existieren. Es ist eine Welt, in der Frauen nur vollständig verhüllt auf der Straße oder in den Medien auftauchen dürfen, in der öffentliche Nacktheit ein Verbrechen ist und allen Werten der patriarchalen Gesellschaft entgegensteht. Bereits mit ihren Performances wies sie auf künstlerische Weise und unter Einsatz ihres eigenen Körpers auf die Unterdrückung von Frauen in der Gesellschaft hin: 2014 ohrfeigte sie sich fortlaufend selbst in der Öffentlichkeit. 2015 lief sie mit einer Art metallenem, den Körper betonenden Bikini über ihrer Kleidung durch eine Straße in Kabul (Amor, s.u.) und riskierte damit ihr Leben. 2018 trat sie in Rennes angeleint vor ihr Publikum.

In den erzählerisch aufgeladenen Gouachen der Ausstellung wirken die Protagonistinnen lebenslustig und unbeschwert. Die Szenen vermitteln ein fast paradiesisches Gefühl und sind zugleich gespickt mit irritierenden, humorvollen und teils surrealen Momenten. Kubra Khademi lehnt ihre Figuren stilistisch an die persische Miniaturmalerei an. In ihrer Abstraktion und räumlichen Entleerung sowie durch die Nacktheit der dargestellten Körper lenkt sie den Blick ihres Publikums jedoch auf das Wesentliche und verschafft ihm eine zeitlos anmutende Überwirklichkeit. Sie weisen weit über Afghanistan hinaus.

Kubra Khademis radikale Kunst hält den Betrachtenden unabhängig ihrer Herkunft einen Spiegel vor. Sie macht sichtbar, wie abhängig der Körper und individuelles Leben von politischen Kontexten und gesellschaftlichen Verfasstheiten ist. Ihre Arbeiten werfen Fragen auf, die uns der Freiheit ein Stück näher bringen könnten.

Kubra Khademi wurde 1989 in der afghanischen Provinz Ghor als Angehörige der ethnischen Gruppe der Hazara geboren. Sie studierte an der Beaconhouse National University in Lahore (Pakistan) und Bildende Kunst an der Universität Kabul. Nach der Aufführung ihrer Performance Amor musste Kubra Khademi aufgrund von Morddrohungen aus ihrem Heimatland fliehen. Sie lebt seitdem in Paris und ist seit 2020 französische Staatsbürgerin. 2016 verlieh ihr das französische Kulturministerium den Ordre des Arts et des Lettres. Sie erhielt außerdem den 1%-Preis der Stadt Paris und den Salomon Foundation Residency
Award.
International erhielt sie sowohl medial als auch institutionell große Aufmerksamkeit. Ihre Werke wurden u.a. im kölner Ludwig Museum (2023), bei der Sydney Biennale (2024), im Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris (2021), in der Fondation Kadist (Paris, 2022), der Collection Lambert (Avignon, 2022), in der Mill6 Foundation (Hong Kong, 2023), im Musée de l’Immigration (2022), bei der Bangkok Biennale (2020), im Institut du Monde Arabe (2022), im Mediterranean Museum Stockholm (2023), im Les Abattoirs, Musées – Frac Occitanie (2023), im MuCEM (2019), im Centre Wallonie-Bruxelles (2019), der Fondation Fiminco (2021), in der Kunsthalle Dessau (2023), der Kunsthalle Thun (2022), in der Schirn Kunsthalle Frankfurt (2022) und solo im Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern (2022) und im Kunstmuseum Karlsruhe (2024-25) ausgestellt. Bis Juli 2026 waren Werke von Kubra Khademi Teil der Ausstellung WIR. 19 Grund rechte. 19 künst lerische Positionen. im Deutschen Bundestag. Hier wurden sie dem Artikel 5 des deutschen Grundgesetzes dialogisch zugeordnet, welcher u.a. die Meinungs- und Kunstfreiheit garantieren soll

Parallel zur Ausstellung in der Galerie Jarmuschek + Partner präsentiert das HAU Hebbel am Ufer (HAU3) an acht Terminen eine Installation mit Live-Performance von Kubra Khademi in Berlin.

Afghan Women: A Desperate Vitality ist in Zusammenarbeit mit Mortaza Behboudi (Sound-Narrativ) und anonymen Künstler:innen aus Kabul entstanden und wird vom 9.–11. Oktober als Teil des Festivals Love is a Verb #2 – We, the Heartbroken präsentiert.

Aktuell zeigt der Sender arte in der Reihe l’átelier A. ein Porträt der Künstlerin in der arte-Mediathek.

Bildnachweis: KUBRA KHADEMI, o. T. (Women in simple situations), 2026, Gouache auf Papier, 41 x 31 cm, gerahmt


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