KUNST AUF KOMMANDO?
9. Oktober 2026 – 31. August 2027
Militärhistorisches Museum der Bundeswehr
Werke zur Nationalen Volksarmee der DDR
Was geschieht, wenn Kunst auf politische Erwartungen trifft? Welche Bilder entstehen zwischen staatlichem Auftrag, persönlicher Erfahrung und künstlerischer Eigenständigkeit? Vom 9. Oktober 2026 bis 31. August 2027 widmet sich das Militärhistorische Museum der Bundeswehr erstmals genauer dem komplexen Kunstbestand der Nationalen Volksarmee der DDR. Unter dem Titel „Kunst auf Kommando?“ versammelt die Ausstellung über 200 Gemälde, Grafiken und Plastiken von rund 100 Künstlerinnen und Künstlern und richtet den Blick auf das Spannungsfeld von Kunst, Staat und Militär in der DDR. Begleitende Dokumente, Filmmaterial und Zeitzeugeninterviews beleuchten den historischen Kontext.
Die Präsentation basiert auf einer einzigartigen Sammlung, die nach der Auflösung der NVA 1990 in den Besitz der Bundeswehr überging. Sie spannt den Bogen von den frühen Jahren der DDR bis in die Gegenwart und reflektiert zugleich den heutigen Umgang mit diesem spezifischen Kunst bestand. Darüber hinaus sind Arbeiten zu entdecken, die in jüngerer Zeit erworben wurden und jenseits der offiziellen Kunstpolitik der DDR entstanden sind.
Die Ausstellung beleuchtet die Rolle von Kunst in der DDR und fragt nach den Handlungsspiel räumen der Kunstschaffenden zwischen ideologischer Einflussnahme, Anpassung und individuellem künstlerischen Ausdruck. Gezeigt werden Arbeiten u. a. von Norbert Bisky (private Leihgabe), Manfred Butzmann, Hubertus Giebe, Bernhard Heisig, Gerda Lepke, Otto Nagel, Evelyn Richter, Arno Rink, Horst Sakulowski, Willi Sitte, Hans Ticha, Werner Tübke oder Walter Womacka.
EIN RUNDGANG ZWISCHEN MILITÄRISCHEM AUFTRAG UND FREIRAUM
KUNST AUF KOMMANDO?
Die SED forderte von den Künstlerinnen und Künstlern Darstellungen, die Loyalität und Wehrbereitschaft stärken sollten. Ab den 1960er-Jahren trat die NVA selbst als Auftraggeberin auf, mit der Einführung der Wehrpflicht 1962 rückte der Militärdienst in den Alltag der Menschen und wurde auch in der Kunst als Motiv zunehmend aufgegriffen. Der chronologisch und thematisch angelegte Rundgang führt die Besucher von der frühen Phase des Sozialistischen Realismus über Darstellungen des Kasernenalltags bis hin zu Werken aus der Zeit der Friedlichen Revolution. Viele Werke verdeutlichen die Ambivalenz zwischen staatlichem Auftrag und künstlerischer Eigenständigkeit.
Zu sehen sind unter anderem ein frühes Historiengemälde von Willi Sitte zur Völkerschlacht bei Leipzig (1956), das statt der staatlich gewünschten Volkserhebung das Leid der französischen Soldaten in den Mittelpunkt rückt. Werner Tübkes monumentales Gemälde „Nationalkomitee Freies Deutschland“ (1970) wurde kurz nach der Eröffnung des Armeemuseums wieder abgehängt, weil sich der Künstler weigerte, das Werk an neue politische Vorgaben anzupassen. Bernhard Heisig wiederum verbindet in seinem vielschichtigen Werk „Begegnung mit Bildern“ (1981) eigene Kriegs Eerfahrungen mit der NVA-Dienstzeit seines Sohnes.
Ein besonderes Augenmerk liegt auf künstlerischen Positionen, die persönliche Erfahrungen mit Wehrdienst und staatlicher Kontrolle reflektieren. So zeigt Manfred Butzmann menschenleere Kasernenhöfe aus seiner Zeit als Reservist. Stefan Schröder nutzte seine Dienstzeit für eine Serie von über 100 psychologisch dichten Selbstporträts. Norbert Bisky, der kurz vor dem Mauerfall als Wehrpflichtiger wegen Fahnenflucht inhaftiert wurde, reflektiert in seiner großformatigen Arbeit „Niemandsland“ (2019) Erfahrungen von Gewalt, Kontrolle und Orientierungslosigkeit.
Die Ausstellung zeigt die fließenden Übergänge zwischen Kooperation, Distanzierung und Verweigerung. Thematisiert werden Formen der Überwachung und sogenannten „Zersetzung“ ebenso wie die unterschiedlichen Strategien, mit denen Kulturschaffende auf staatliche Kontrolle reagierten. Während einige über Jahre eng mit militärischen Einrichtungen kooperierten, blieb eine Zusammenarbeit mit der Armee für andere undenkbar; sie nutzten Nischen und Freiräume innerhalb des Systems.
Im Außenbereich des Museums treten historische Großplastiken aus der NVA-Zeit in einen Dialog mit zeitgenössischen Arbeiten von Svea Duwe, Sven Johne, Sonya Schönberger, Ina Weise und Christof Zwiener. Sie spannen mit Fragen nach Wehrhaftigkeit und gesellschaftlicher Verantwortung den historischen Bogen in die Gegenwart.
VORAB-EINBLICKE IM LIBESKIND-BAU
Bereits ab Juli 2026 geben im markanten Erweiterungsbau von Daniel Libeskind vier monumentale Gemälde einen Vorgeschmack auf die Vielschichtigkeit der Sammlung, darunter Hans-Peter Müllers surreales Panorama zum Katastrophenwinter 1978/79 sowie ein Diptychon von Gerda Lepke.
AUFTAKT ZUR WISSENSCHAFTLICHEN AUFARBEITUNG /
WORK IN PROGRESS
Die Ausstellung markiert einen wichtigen Schritt hin zur wissenschaftlichen Erforschung des heterogenen Kunstbestandes. Dieser wird bis heute um Arbeiten zur NVA ergänzt, die kritische und ungewohnte Perspektiven auf das Thema eröffnen. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.
Kuratoren:
Katja Protte und Dr. Elke Neumann (Außenbereich) unter Mitarbeit von Nora Arnold
ÜBER DAS MILITÄRHISTORISCHE MUSEUM DER BUNDESWEHR IN DRESDEN
Nach einer 1897 beginnenden langjährigen Geschichte als staatliches Militärmuseum, zu der auch die Nutzung als „Armeemuseum der DDR“ von 1972 bis 1990 zählt, erfuhr das Haus nach der Übernahme durch die Bundeswehr 1990 eine grundlegende inhaltliche Neuausrichtung. Seit der Neueröffnung 2011 mit einem Erweiterungsbau von Daniel Libeskind versteht das Militärhistorische Museum heute Militärgeschichte als Teil einer Kulturgeschichte der Gewalt und sich selbst als Forum für die multiperspektivische Auseinandersetzung mit Militär, Gewalt, Gesellschaft und Erinnerungskultur
Bildnachweis: Arno Rink, Das Lied vom Oktober, 1967, Öl auf Hartfaser, 180 x 270 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: MHM / Andrea Ulke
Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, Dresden
Olbrichtpl. 2
01099 Dresden
www.mhmbw.de