Die Ausstellung des Erfurter Kunstvereins in Kooperation mit der Kunsthalle Erfurt, 8.11.2020 bis 10.1.2021, wird verlängert bis 23.5.2021. Hans-Christian Schink (*1961 in Erfurt) studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter der zeitgenössischen Fotografie aus Deutschland. Seine Arbeiten sind meist Landschaftsuntersuchungen im Spannungsfeld von Natur und Zivilisation. […]
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Hans-Christian Schink fotografiert Landschaften im Schnittpunkt menschlicher Interessen, Perspektiven und ihrer natürlichen Voraussetzungen. Es ist dieses menschliche Interesse, welches das Sujet „Landschaft“ erst konstituiert, indem es sie als Gestalt aus dem umgebenden Land heraushebt, gleichsam figürlich vom Grund abgrenzt. Das betrifft die Interessen des Bauern am Ertrag eines Bodens ebenso wie den Wegebauer, heute Verkehrsplaner, der Schneisen in das Unwegsame eines Landes bricht, und nicht zuletzt den städtischen Spaziergänger oder Wanderer, der seiner existenziellen Distanz von den Naturgewalten in Form einer „interesselosen Anschauung“ (Kant) des Naturschönen eine ästhetische Kontur verleiht.

Die Bilder des 1961 in Erfurt geboren und heute nördlich von Berlin lebenden Fotografen Hans-Christian Schink zeigen das Land als angeeignetes, zumeist direkt im Prozess der Aneignung und Überformung befindliches. Überdeutlich, geradezu detailbesessen offenbaren sie die Spuren ihrer Nutzung, ob architektonisch, industriell oder verkehrstechnisch. Sie dienen der Versammlung uniformer Einfamilienhäuser oder zweckmäßiger Industriebauten; werkzeugartig treiben sich frische Asphaltbahnen und wuchtige Betonbrücken in ihre Fluchten oder ihre Oberflächenprofile erscheinen selbst als Resultat der Modellierung und Formung nach Maßgabe von Fahrbahnsteigungswinkeln, Lärmschutzverordnungen und Entwässerungsauflagen. Bebaute Landschaften könnte man sie nennen, doch nicht selten wäre es treffender, von erbauten Landschaften zu sprechen. Auf sie hat Schink seine künstlerische Arbeit fokussiert. Nirgendwo ist der Mensch als Verursacher dieser Landschaften direkt anwesend – und doch ist er omnipräsent: Denn die Landschaft trägt seine Handschrift.

Hans-Christian Schink ist seit Beginn der 90er Jahre in verschiedenen fotografischen Serien den Erscheinungsbildern dieses Ordnungswillens auf der Spur. In ihnen offenbart sich einerseits die Faszination, welche bestimmte Landschaften als gleichsam „fertige“ Kompositionsvorlagen auf den bildenden Künstler ausüben, andererseits lassen sie – trotz ihrer ästhetischen Eleganz – im spannungsgeladenen proportionalen Ungleichgewicht zwischen Architektur und Natur auch eine kritische Dimension erkennen.

Natur ist heute, entgegen den Verlautbarungen der Tourismusindustrie, nicht mehr pur zu haben. Hierzulande und beinahe überall auf der Welt hat der Mensch ihr seine Zwecke eingeschrieben. Deshalb leben die Landschaften Schinks vom fotografisch akzentuierten Wechselspiel unterschiedlicher Ordnungssysteme: zum einen dem der „ersten Natur“, mit den ihr eigenen Mustern von Wachstum und Vergehen, Überlagerung, Sedimentierung und Auswaschung, Zerstörung, andererseits der Ordnung des von sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen bestimmten Gestaltungswillens des Menschen, einer Ordnung, die ihm zur „zweiten Natur“ geworden ist. Dieses Wechselspiel kann eine ambivalente Balance und gegenseitige Steigerung ins Erhabene ausbilden, wie in der Serie „Verkehrsprojekte Deutsche Einheit“, es kann sich als gegenseitiges Abringen von Ressourcen darstellen, wie in der Serie „LA“, oder es zeigt sich – ganz im Horizont romantischer Weltbetrachtung – als Einbettung und Rückverwandlung zivilisatorischer Artefakte in eine überwältigende Naturkulisse, wie in den Serien, die in den letzten zwei Jahrzehnten als Resultat von Reisen rund um den Globus entstanden.

Zu Beginn des Schaffens von Hans-Christian Schink standen ausgeprägte ethnografische Interessen im Vordergrund, die er in ein Aufweisen der Spur des Menschen im Antlitz der Landschaft, in ein Wechselspiel von Natur und Kultur münden ließ. Schink aktualisierte dabei Methoden und Stilistiken des New Topographic Movement. In der bisher möglichen Rückschau auf sein Œuvre wird aber auch deutlich, wie stark sich Schink in einem breiten Strom aktueller internationaler Kunst verankert, welche die romantische Sicht der Welt – als eines Erhabenen Gegenpols zum Individuum, als das bildgewordene Unverfügbare, nur der Beobachtung und dem Staunen Zugängliche (erstmals formuliert an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert und adaptiert von den künstlerischen Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts) – erneut aufgreift, modifiziert und als einen zentralen Aspekt der Moderne fruchtbar macht. Schließlich hat Hans-Christian Schink, der bis vor einigen Jahren ausschließlich analog fotografierte, in seinem Schaffen auch das Medium Fotografie selbst thematisiert – so in den „L.A.-Night“-Fotografien, am stärksten jedoch in der konzeptuellen Serie „1 h“, die ihre fotografische Unverwechselbarkeit auf den Effekten der natürlichen Solarisation aufbaut.

Im Jahr 2020 begehen wir das 30-jährige Jubiläum zur Wiedervereinigung Deutschlands. Für Künstlerfotografen wie Hans-Christian Schink eröffneten sich dadurch Möglichkeiten einer internationalen Karriere, die er konsequent nutzte. Heute gilt er als der bedeutendste zeitgenössische Fotokünstler, der aus Thüringen stammt. Rund dreißig Jahre nach seinem Start mit der Kamera soll die Ausstellung in einer vom Künstler selbst vorgenommenen Auswahl die Vielfalt und Qualität seiner fotokünstlerischen Projekte bis heute zeigen. Die Ausstellung wurde also mit Hans-Christian Schink als Künstler-Kurator geplant und realisiert. Begleitend werden Verlagspublikationen zu seinem Werk angeboten, er wird für Künstlergespräche und Führungen zur Verfügung stehen.  (Text: Kai Uwe Schierz)


Wir danken den Förderern

Kulturstiftung des Freistaats Thüringen
Sparkasse Mittelthüringen

und Sponsoren

Galerie Rothamel
Mitglieder des Erfurter Kunstvereins

 

Hans-Christian Schink

1961 in Erfurt geboren, lebt in Mecklenburg. 1986–1991 Studium der Fotografie und 1993 Meisterschülerabschluss an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig.

Preise und Stipendien (Auswahl)

Arbeitsstipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung (2016); Villa Massimo, Deutsche Akademie Rom (2014); Projektstipendium der Stiftung Kunstfonds, LEAD Award in Gold (beide 2013), Villa Kamogawa, Goethe Institut Kyoto (2012); European Eyes on Japan (2009); ING Real Photography Award (2008); Deutscher
Fotobuchpreis (2004); Villa Aurora Los Angeles (2002)

Einzelausstellungen (Auswahl)

Von-der Heydt-Museum, Wuppertal (2021); Clervaux – Cité de l‘image, Luxemburg (2020/2021); Kunstmuseum Heidenheim (2019); Saarlandmuseum, Saarbrücken (2018); Museum Küppersmühle Duisburg, Neues Museum Weimar, Kunstmuseum Dieselkraftwerk, Cottbus (alle 2011); Landesgalerie Linz (2010); Museo de Bellas Artes, Córdoba, Argentinien (2008); Kunsthalle Erfurt (2005); Martin Gropius Bau Berlin (2004); Goethe Institut New York (2000)

Gruppenausstellungen (Auswahl)

From A to B, Museum Morsbroich; 1990, Kunstmuseum Dieselkraftwerk, Cottbus (2020); Fotografi a Roma, Museo di Roma; Photographic Recall, University at Buffalo Art Galleries, New York (2019); Entfesselte Natur, Hamburger Kunsthalle; Ins Offene, Kunstmuseum Moritzburg, Halle; Spuren im Raum, Bundeskunsthalle,Bonn; Die fotografierte Ferne, Berlinische Galerie (2018); Autophoto, Fondation Cartier, Paris (2017); Zwischen zwei Horizonten, Centre Pompidou Metz (2016); Il Presente, Museum MACRO, Rom (2015); The Tropics, National Gallery, Kapstadt (2009), Centro Cultural Banco do Brasil, Brasília und Rio de Janeiro (2007–08); Veto: Zeitgenössische Positionen in der deutschen Fotografie, Deichtorhallen Hamburg (2009); Zwischen Wirklichkeit und Bild: Contemporary German Photography, Museum of Modern Art Tokyo und Museum of Modern Art Kyoto (2005)

Bildnachweise:

A71, bei Traßdorf, aus der Serie Verkehrsprojekte Deutsche Einheit)
Aqua Claudia, Parco degli Acquedotti
Win Sein Taw Ya, Mudon

 

Kontakt
Erfurter Kunstverein e. V.
c/o Kunsthalle Erfurt
Fischmarkt 7
99084 Erfurtinfo@erfurter-kunstverein.de
www.erfurter-kunstverein.de
www.facebook.com/erfurterkunstverein
www.instagram.com/erfurter_kunstverein
www.hc-schink.de

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