LEBENSGRÖSSEN
29. August bis 9. November 2025
APOTHEKE – Ort für zeitgenössische Kunst
Eröffnung: Freitag, 29. August 2025, 14–19 Uhr
Mit der Eröffnung der APOTHEKE – Ort für zeitgenössische Kunst, entsteht in Hilden ein Raum, der dem Nachlass von Heinz Breloh (1940–2001) gewidmet ist und zugleich als lebendiger Ausstellungsort für plastische Dialoge zwischen Körper, Raum und Zeit fungiert. Die Eröffnungsausstellung mit dem Titel „Lebensgrößen“ bringt Werke Brelohs mit drei skulpturalen Ikonen des 20. Jahrhunderts zusammen, die als hochkarätige Leihgaben aus dem Skulpturenmuseum Marl nach Hilden kommen: Arbeiten von Emilio Greco, Marino Marini und Germaine Richier.
Vom Maß des Menschen
Was ist ein Körper? Nicht nur Form, nicht nur Fleisch. Sondern Träger von Erinnerung, Ort des Begehrens, Gegenstand des Blicks und Projektionsfläche der Zeit. In der Ausstellung Lebensgrößen begegnen sich vier künstlerische Positionen, deren gemeinsame Sprache nicht in der Oberfläche liegt, sondern in der Tiefe ihrer Körperbilder in Lebensgröße, und in dem, was sie uns über den Menschen und das Leben erzählen.
Heinz Breloh versteht den eigenen Körper nicht als Werkzeug, sondern als Ursprung des Werkes. In einem ganzkörperlichen, performativen Prozess überträgt er seine Skulpturen manuell oder durch direkte körperliche Bewegung auf das Material, mit voller physischer Kraft und emotionaler Energie. Seine Arbeiten aus Ton, Gips oder Keramik sowie übermalte Fotografien und Zeichnungen sind Spuren einer körperlichen Durchdringung der Welt: tastende Gesten, die sich in die Materialien einschreiben und sie mit handstrukturierten Elementen erweitern. Die Spuren seiner Finger und anderer Körperteile bleiben dabei stets sichtbar. Körper und Werk verschmelzen zu einem Medium des Empfindens, einem Speicher des Unausgesprochenen, des Noch-nicht-Gesagten, und des darunter liegenden Begehrens, das im Körper, im Geist, in den Gefühlen und in der Seele ruht und auf sein Erwachen wartet.
Auch die Leihgaben aus dem Skulpturenmuseum Marl kreisen um das Maß des Menschen. Emilio Grecos (1913–1995) „Große Badende“ (1956) zitiert manieristische Eleganz. Die „Grande Bagnante“ ist eine Ode an den weiblichen Akt. Die grazile Drehung des Torsos, die spielerisch verschränkten Arme und die betonte Schrittstellung verbinden klassische Formensprache mit moderner Präsenz. Der Körper bleibt ambivalent: Die Figur entzieht sich einer eindeutigen Lesart zwischen Schamhaftigkeit und Selbstbewusstsein, während ihre vertikale Spannung ein Bild stiller Erhabenheit entwirft.
Marino Marinis (1901–1980) „Tänzer“ (1954) steht auf Zehenspitzen, ein Moment der Aufrichtung gegen die Schwerkraft. Der Mensch als fragile Figur in Bewegung, ausbalanciert zwischen Formreduktion und innerer Spannung, zwischen Erdung und Aufbruch. Der „Danzatore“ steht als Sinnbild des menschlichen Aufbäumens gegen die Erdenschwere. In der Reduktion der Form liegt eine archaische Wucht; in der dynamischen Pose ein leiser Triumph über die Gravitation. Die aufgeraute, sandgespickte Oberfläche betont den Gegensatz von Schwere und Aufrichtung. So verkörpert der Tänzer den existenziellen Balanceakt des Menschen: den Versuch, sich trotz der Kräfte, die ihn niederziehen, aufzurichten, frei zu werden.
Germaine Richiers (1902–1959) „Don Quichotte“ (1950/51) schließlich verkörpert das Tragische – nicht als Gestus, sondern als Zustand. Die Figur, zersetzt und dennoch aufrecht, ringt mit sich selbst, mit der Welt, mit der Zeit. Sie steht – gegen das Vergehen. Sie ist ein tragisches Gleichnis der Conditio humana: eine dürre, zerklüftete Figur, die zwischen aufgerichtetem Mut und sichtbarer Vergänglichkeit schwankt. Der knorrige Körper, die diagonal geführte Lanze und die aufgebrochenen Oberflächenformen erzählen von der Verzweiflung des Helden, der gegen einen übermächtigen Wind ankämpft – und zugleich von der unbändigen Würde menschlichen Ringens. Richiers Figur ist eine Skulptur der Auflösung und des Widerstands, ein eindrückliches Sinnbild eines tragischen Weltgefühls.
Lebensgrößen ist eine Annäherung an das Menschliche in der Skulptur. Die Werke sprechen vom Ringen um Form, vom Widerstand gegen das Vergessen, von der Sehnsucht, im Körper das Leben zu bewahren, und es zu übersteigen.
Die Ausstellung zeigt Körperbilder, die weit über individuelle Physiognomie hinausweisen und fundamentale Fragen nach der Verletzlichkeit und Stärke des Menschen aufwerfen. Mit der Ausstellung wird DIE APOTHEKE als neuer Ort für zeitgenössische Kunst in Hilden eröffnet.
Ein Raum für das Weiterleben, Erinnern und Neudenken von Kunst, im Sinne und in Einbeziehung des Nachlasses von Heinz Breloh.
Veranstaltet von Heinz Breloh Künstlernachlass und Rehbein Galerie, mit Unterstützung des Skulpturenmuseums Marl
Bildnachweis: Heinz Breloh, Lebensgröße von Ferne III, 1987, Bronze, 42 x 38 x 21 cm
DIE APOTHEKE – Ort für zeitgenössische Kunst
Benrather Straße 20
40721 Hilden
Kontakt: art@rehbein-galerie.de | thomas@rehbein-galerie.de | +49 (0)151 5512 3550
rehbein-galerie.de