Sehen, wer wir sind. 100 Objekte aus der Sammlung
Sonderausstellung – 3. Oktober 2020 bis Februar 2021

Die Sonderausstellung bietet einen Streifzug durch die Sammlung des vorarlberg museums in Gestalt von 100 Objekten, die die Kuratorinnen und Kuratoren des Hauses ausgewählt haben. Ihr Herz schlug dabei nicht nur für die wertvollen Bestände, etwa Bilder von Angelika Kauffmann und Rudolf Wacker. Manchmal sind es unscheinbare Dinge, anhand derer man erstaunliche Geschichten über das Land und das Leben seiner Bewohnerinnen und Bewohner erzählen kann. Nachzulesen auch in einem Katalog zur Ausstellung, der im Dezember erscheint.

Das kleinste Objekt misst zwei, drei Zentimeter, unscheinbarer gehts nicht. Es stammt aus einem Knochenfund in Koblach. Das Museum finanzierte eine Altersbestimmung mithilfe der C-14-Methode. Das Ergebnis ließ das Herz des Archäologen Gerhard Grabher schneller schlagen: Das Knöchelchen eines menschlichen Halswirbels ist 9.500 Jahre alt! Es lieferte den ältesten Nachweis menschlichen Lebens in Vorarlberg und zahlreiche weitere Fragen ….
Torfstecher in Lauterach fanden 1880 einen wahren Schatz, den Lauteracher Silberschatz. Armreifen, Münzen, Schmuck – alles aus der Keltenzeit, aber warum wurden diese Dinge im 2. Jh. v. Chr. vergraben? Vielleicht war es eine Weihgabe an eine Gottheit, vielleicht wurden die Reichtümer in Sicherheit gebracht und das, was wir heute als Schatz bezeichnen, ist der Grund für und der Hinweis auf eine große menschliche Tragödie.

Die Ausstellung berichtet von technischen Meisterleistungen, anhand von Skizzenbüchern der Bregenzerwälder Barockbaumeister oder der Entwurfszeichnung von Hasso Gehrmann für die erste vollautomatische Küche der Welt (1969/70). Sie verdeutlicht, wie Menschen früher bestraft wurden: Aus einer Folterkammer in Bregenz stammt eine Leibfessel, aus dem ehemaligen Gefängnis der Bregenzer Oberstadt ein Schandmantel. In das fassähnliche Ungetüm wurden Menschen als Vergeltung für geringere Delikte gesteckt. Sie durften verhöhnt und bespuckt werden, Strafe durch Bloßstellung. Die verschlissene Sporttasche mit der Aufschrift „Rote Stern Bregenz“ eines jugoslawischen Einwanderers führt in die Fußball-„Jugo“-Liga im Vorarlberg der 1970er Jahre, die Tür zu den Vereinen blieb für Zuwanderer meist geschlossen. Ein Feuerwehr-Spritzenwagen aus dem Jahr 1786, weibliche und männliche Votivfiguren aus dem 5. Jh. v. Christus, ein Hochrad, das romanische Vortragskreuz aus Ludesch, eine Puppenküche, Harpunen aus dem 3. Jahrtausend vor Christus, die bei der Rheinbalme bei Koblach gefunden wurden.

Das Spektrum der Kunst reicht vom Silbertaler Flügelaltar aus dem 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Herbert Albrecht, Gottfried Bechtold, Claudia Larcher, Alexandra Wacker und Monika Grabuschnigg sind unter anderem mit Arbeiten vertreten. Von Mariella Scherling Elia ist die Installation „Die Burkas, die Frau“ zu sehen. Zehn lebensgroße, in Burkas verhüllte Gestalten geben ein beklemmendes Zeugnis über die Stellung der Frau in manchen islamischen Ländern ab. Die Burkas stammen aus einem Frauenlager in Islamabad. Von Edmund Kalb sind vier Zeichnungen ausgestellt. Ein Teil seines Nachlasses kam in den 1970er Jahren in die Sammlung des Landesmuseums. Den weit größeren Teil, rund 600 Zeichnungen, hat sein Neffe Georg Kalb vernichtet. Der Kapuzinerpater hielt Aktzeichnungen für eine Schweinerei.

Kein Best-of

„Sehen, wer wir sind“ zeigt nicht die Highlights des vorarlberg museums, weil sich herausragende Objekte als Leihgaben in anderen Häusern oder in weiteren Ausstellungen des vorarlberg museums befinden. Die Schau folgt auch keinem einheitlichen Erzählstrang, zeigt vielmehr fragmentarisch, „wer wir sind“. Maßgebend waren die Vorlieben und Interessen, das „Herz“ der neun Kuratorinnen und Kuratoren, die die Objektauswahl getroffen haben – sechs Kunsthistoriker*innen, eine Ethnologin, ein Historiker und ein Archäologe: Ute Pfanner, Kathrin Dünser, Ute Denkenberger, Cornelia Mathis-Rothmund, Angelika Wöß, Theresia Anwander, Peter Melichar, Gerhard Grabher und Andreas Rudigier. Knappe, humorvoll gehaltene Texte liefern eine Idee, wie viele Geschichten sich hinter den Objekten verbergen. In den Videos berichten die Kurator*innen davon, erzählen über ihre Arbeit im Museum und denken über den Wert des Sammelns nach: „Wertvoll sind die Objekte durch ihre Geschichten“, heißt es in einem Beitrag.

Zur Geschichte der Sammlung

Die Sammlung des vorarlberg museums umfasst rund 160.000 Objekte, gegliedert in 52 Gruppen von A (Abzeichen) bis ZD (Druckstöcke). Sie geht auf die Gründung des Vorarlberger Landesmuseumsvereins im Jahr 1857 zurück. Der Verein wollte die Kulturgüter des Landes vor dem Verkauf und der Verschleppung ins Ausland bewahren, das antike Bregenz erforschen und ein Museum errichten. Die Sammlungsschwerpunkte damals waren die Archäologie, die Kunst des Mittelalters, des 19. Jahrhunderts und das Werk von Angelika Kauffmann sowie Zeugnisse der bäuerlichen Lebenswelt.

Von den rund 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des vorarlberg museums setzt sich rund ein Viertel näher mit der Sammlung, seiner Dokumentation, Erweiterung und Erhaltung auseinander. Insbesondere die Restaurierung, Konservierung und Sammlungserfassung sind zentrale, wenn auch kaum sichtbare Aufgaben. Zeitintensive noch dazu, bedenkt man, dass es jährlich rund 700 Neuzugänge in die Sammlung gibt – zuletzt etwa Vor- bzw. Nachlässe von Künstlern und Architekten wie Susi Weigel, Hugo Purtscher, Martin Häusle sowie der Bestand des ehemaligen Spielzeugmuseums in Wolfurt.

Das Museum betreibt seine Studiensammlung bzw. seine Depots an drei Standtorten: Bregenz-Vorkloster (2600 m2), Lauterach (1800 m2 – nicht klimatisiert) und Hard (1250 m2).

Neue Sammlungsbereiche

Als Mehrspartenhaus sind Archäologie, Geschichte, Kunstgeschichte und Volkskunde die Sammlungsschwerpunkte. Durch gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen kommen neue Inhalte dazu: Architektur, Migration, Jugendkulturen, Textilindustrie, Tourismus und Alpinismus sowie Art Brut. Immer wichtiger wird das immaterielle Erbe, das Wissen um Objekte, Praktiken und Themen, weshalb verstärkt Interviews mit Zeitzeug*innen geführt werden. Die Sammlung sollte die vielfältigen Lebensformen in Vorarlberg abdecken.

Sehen, wer wir sind. 100 Objekte aus der Sammlung

Kuratorinnen und Kuratoren: Theresia Anwander, Ute Denkenberger, Kathrin Dünser, Gerhard Grabher, Cornelia Mathis-Rothmund, Peter Melichar, Ute Pfanner, Andreas Rudigier, Angelika Wöß
Ausstellungsarchitektur: Hansjörg Thum
Ausstellungsgrafik: Peter Felder Grafikdesign

Wegen der Covid-Bestimmungen findet keine Ausstellungseröffnung statt. Im Rahmen der ORF-Museumszeit (3. bis 10. Oktober) gibt es einen ermäßigten Museumseintritt und kostenlose Führungen. Ein Ausstellungsbesuch ist nur mit einem Mund-Nasen-Schutz möglich.

 

Shutdown. Vorarlberg und Corona
Ausstellung im Atrium – 3. Oktober 2020 bis 24. Jänner 2021

„Bleiben Sie zuhause!“ Nach diesem Aufruf der Bundesregierung Mitte März stand das Leben plötzlich still. Statt dem üblichen Gang zur Arbeit, in die Schule oder zu Veranstaltungen – Homeoffice, Homeschooling, Social Distancing. Mit dem Lockdown begann das vorarlberg museum, die „neue Normalität“ im Leben der Menschen zu sammeln. Die Bevölkerung wurde über digitale Plattformen eingeladen, Fotos, Berichte oder Objekte einzureichen, um später eine vielstimmige Geschichte der „Corona-Zeit“ erzählen zu können. Ergänzt um Kunstwerke, die während dieser denkwürdigen Wochen im Frühjahr 2020 entstanden sind, sind Teile der Corona-Sammlung nun im Atrium des vorarlberg museums zu sehen.

Dass sich etwas zusammenbraute, war bereits Wochen vor dem Lockdown klar. Theresia Anwander, Kuratorin am vorarlberg museum, trug Dokumente zusammen. Die Verordnung der Katholischen Kirche vom 27. Februar 2020 zum Beispiel, wonach Weihwasserbecken in allen Kirchen zu leeren seien und der Friedensgruß im Gottesdienst durch Zunicken erfolgen solle – anstelle des üblichen Händeschüttelns. Mit dem Lockdown Mitte März begann im vorarlberg museum ein emsiges Sammeln.

Aufträge und Aufrufe

Sarah Mistura fotografierte im Auftrag des Museums die nach Hamsterkäufen leeren Regale in Supermärkten, die verbarrikadierten Grenzübergänge zu Deutschland, den menschenleeren Marktplatz von Dornbirn an einem sonnigen Tag und die Schilder mit Hinweisen und Verboten. Die Autorin Daniela Egger führte, ebenfalls vom Museum beauftragt, ein Corona-Tagebuch. Ihre Texte, Misturas Fotografien – täglich wuchs die Corona-Sammlung an, für jeden einsehbar unter www.vorarlbergmuseum.at/digital. Es folgten Aufrufe an die Bevölkerung, Fotos, Geschichten oder allerlei möglichen Dinge einzureichen: Einkaufslisten, Fiebertagebücher, Grenzübertrittsscheine – eben alles, was später hilft, ein umfangreiches Bild von der „Corona-Zeit“ zu zeigen. Ein arbeitslos gewordener Reisebus-Chauffeur schickte sein Tagebuch. Andere Erzählungen und vor allem Fotografien berichten von Glücksgefühlen im eigenen Garten und intensiven Naturerlebnissen in der neu gefundenen Zeit. Die von einem eilig gegründeten Konsortium hergestellten Schutzmasken verdeutlichen, wie rasch und innovativ Vorarlberger (Textil-)Unternehmen auf die Maskennot reagiert haben. Birgit Sieber-Mayr brachte ein gehäkeltes Modell des Virus, von Volksschulen erreichten uns Arbeiten von Kindern. Isabella Natter-Spets führte Interviews mit 12 Personen unterschiedlichen Alters und Berufstands über das Leben zu Zeiten von Corona, über verschobene Hochzeiten, Homeschooling, Krankenhausaufenthalte, neue Vertriebswege für regionale Lebensmittel und Online-Jassen. Momentaufnahmen von Frustration und Glück, von notwendigen Veränderungen und der Sehnsucht nach einem anderen Leben.

Kunst und Corona

Absperrbänder durchziehen die Wände im 23 Meter hohen Lichthof des vorarlberg museums. Ein symbolhaftes Setting für die gezeigten Kunstwerke, die im Frühjahr entstanden sind. Etwa von Bella Angora: „Ich war während des Lockdowns alleine und um den Menschen, die ich vermisst habe, nahe sein zu können, begann ich, Portraits von ihnen zu zeichnen.“ So entstand die Serie „Zeichnen gegen die Einsamkeit“. Die fotografische Serie „Grenzbetrachtungen“ von Miro Kuzmanovic erzählt in einer subtilen Bildsprache von emotionalen Begegnungen an der österreichisch-schweizerischen Grenze in Lustenau. Roland Adlassnigg entwickelte eine technisch ausgetüftelte Abstandsmaschine mit einem eindrücklichen Sound von verbauten, roten Ferrari-Hupen. Weitere Arbeiten stammen von Ruth Rhomberg-Malin, Alice Wellinger, Edgar Leissing, Harald Gfader und von der österreichischen Fotografin Pamela Rußmann, die Webcams für eine Porträtserie nutzte.

„Shutdown. Vorarlberg und Corona“

Die Ausstellung im Atrium zeigt, was das vorarlberg museum in der Zeit seiner Schließung von 16. März bis 4. Juni gesammelt hat. Eine Sammlung aus Kunstwerken und aus persönlichen Eindrücken sowie Stimmungsbildern, die heute schon Geschichte sind. Der Blick zurück auf das Frühjahr fällt manchmal humorvoll aus, manchmal befremdlich. Und über allem thront in grellgelben Lettern die „Corona-Sprache“ an der Wand – mit Begriffen wie „Kontaktsperre“, „systemrelevant“, „Cluster“, „Dashboard“ und – #bleibensiegesund“.

Idee und Konzeption: Theresia Anwander, Gestaltung: Sarah Schlatter

Die Ausstellung ist bei freiem Eintritt zugänglich, der Besuch ist nur mit einem Mund-Nasen-Schutz möglich. Wegen der Covid-Bestimmungen findet keine Ausstellungseröffnung statt.

 

Ulrike Schüller
Kommunikation im vorarlberg museum

t +43 5574 46050 547
u.schueller@vorarlbergmuseum.at
www.vorarlbergmuseum.at

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