25.10.2020 – 10.01.2021

Über das Portraitmalen äußerte sich Otto Dix 1965 wie folgt: »Wenn man jemanden portraitiert, soll man ihn möglichst nicht kennen (…) Ich will (…) nur das sehen, was da ist, das Äußere. Das Innere ergibt sich von selbst. Es spiegelt sich im Sichtbaren.« Was aber, wenn sich ein Maler gegen dieses Konzept von der Schau des wahren, verborgenen Wesens eines Menschen verwehrt? Was, wenn wir es mit einer Serie immer gleicher Portraits zu tun haben, in der die Dargestellten keine individuellen Merkmale zeigen? Was, wenn die genaue Erfassung des Äußeren wahre Triumphe feiert, die Malerei selbst sich aber gegen jede Durchdringung der glatten Oberfläche sperrt?

Seit 2008 arbeitet der Freiburger Malers Thomas Kitzinger (*1955) im eigenen Auftrag an seiner potentiell unendlich angelegten, aktuell 100 Arbeiten umfassenden Serie »24.10.1955«. Dabei handelt es sich um frappierend lebensecht gemalte Brustbilder stets gleichen Formats (70 x 50 cm), die Menschen aus dem Umfeld des Künstlers in stets derselben ›Versuchsanordnung‹ zeigen. Alle Dargestellten sind, ohne besondere Gestik oder Mimik, unter immer gleichem Oberlicht, streng frontal und scharf umrissen, vor einem ›leeren‹, der Zeit enthobenen, türkisgrünen Hintergrund, in einem weißlichen T-Shirt, ohne schmückendes Beiwerk, den Blick geradeaus direkt auf den Betrachter gerichtet, dargestellt. Die Portraits entstehen auf der Grundlage einer Sitzung im Atelier des Malers und unter Zuhilfenahme von Fotografien, die Thomas Kitzinger selbst aufnimmt. Erklärt sich eine Person bereit, gemalt zu werden, hat sie ungeschminkt, ohne ›übertriebene‹ Frisur zu erscheinen und legt alle äußerlichen wie persönlichen Attribute, wie zum Beispiel modische Kleidungsstücke, Brille, Ohrringe, Schmuck usw., ab.

Thomas Kitzinger erreicht diese Spannung, indem er seine essentielle Malerei nicht nur einsetzt als Mittel, nicht nur am Bildgegenstand interessiert ist, sondern das vorgegebenes Sujet – zugleich und demonstrativ – zum autonomen Mal-Gegenstand macht. »Jedenfalls haben wir es mit der Tatsache zu tun, dass diese Bilder das Vertrauen, das sie erwecken, immer auf eine subtile (…) Weise stören, zerstören« (Hans Joachim-Müller, 2020). Und es ist diese »Widersprüchlichkeit« (Kitzinger), die Thomas Kitzingers Serie »24.10.1955« so verführerisch macht. Drei Fragen gehen jedem Ausstellungsbesucher beim Rundgang nicht aus dem Kopf: Wie ist das gemacht? Mit was habe ich es hier zu tun? Und ich?

Schon einmal, 2005, zeigte das Kunstmuseum Singen eine Ausstellung des Malers. Zur Ausstellung liegt der aktuelle Katalog: Thomas Kitzinger. 24.10.1955. Arbeiten 2008-2020. Hg.: Ege Kunst- und Kulturstiftung Freiburg. (Freiburg 2020) vor.

Begleitend zur Ausstellung bietet das Kunstmuseum Singen ein Begleitprogramm an.
Mehr unter: www.kunstmuseum-singen.de

Kunstmuseum Singen
Ekkehardstr. 10, 78224 Singen, www.kunstmuseum-singen.de
Öffnungszeiten: Di-Fr: 14 -18 Uhr / Sa + So: 11-17 Uhr / Feiertag: wie Wochentag
Sonderöffnungszeiten: 24.-26. Dez., 31. Dez., 01. Jan: geschlossen
Eintrittspreise: 5 Euro / 3 Euro ermäßigt / Kinder bis 7 Jahre frei / donnerstags für alle Besucher frei

Bildnachweise:
Thomas Kitzinger, 24.10.1955 (2008-2020), © Thomas Kitzinger, VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Thomas Kitzinger, 24.10.1955 (2008-2020 © Thomas Kitzinger, VG Bild-Kunst, Bonn 2020

 

Beatrice Dumitrescu 
Kunstmuseum Singen
Ekkehardstr. 10
D-78224 Singen (Hohentwiel)
Tel: +49 (0)7731 85-269
E-Mail: kunstmuseum@singen.de
Web: www.kunstmuseum-singen.de

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