RIO REISER AUFGEWACHT UND REBELLIERT
24. Mai 2026 bis 7. März 2027
Nordfriesland Museum. Nissenhaus Husum
Er war schon eine Ikone, bevor er sich mit dem Song „König von Deutschland“ dazu machte: Wie spannend es doch wäre, zu erfahren, was der eigenwillige Komponist, Musiker, Sänger und Texter Rio Reiser (Wegbegleiterin Ulla Meinecke würde wohl von einem Song-Poeten sprechen) über den aktuellen Zustand unserer Welt sagen würde.
Was er in den 1970er Jahren bis zu seinem Tod 1996 mitzuteilen hatte, davon kündet eine Ausstellung, die am Sonntag, 24. Mai, im Nissenhaus eröffnet wird. Und weil der 1950 in Berlin geborene Ralph Christian Möbius auch für einige Jahre in Nordfriesland gelebt hat, suchen Museumsdirektorin Tanja Brümmer und ihr Team „Sammlungsstücke aller Art“, die an das Leben und Werk des Ausnahmekünstlers erinnern und für den vorgesehenen Zeitraum Teil der Ausstellung werden könnten.
Was lässt sich sagen über einen Mann, der in weniger als einem halben Jahrhundert solche Spuren hinterlassen hat wie Ralph Christian Möbius? Zahlen, Daten, Fakten – „ja, das gehört natürlich auch dazu“, sagt Tanja Brümmer, greife aber viel zu kurz, „wenn man sich dem Menschen Rio Reiser“ annähern wolle. Rio, dessen Künstlername sich an die Hauptfigur eines Roman-Helden von Karl Phillipp Moritz (1756-1793) anlehnt, gestattete sich manchen Umweg, um seine persönliche Zielgerade anzusteuern. Nach dem Schulabbruch nahm er zunächst eine Lehre als Fotograf auf, merkte aber schnell, dass seine Leidenschaft der Musik galt. Als Autodidakt brachte er sich das Spielen mehrerer Instrumente bei reiste wiederholt nach Großbritannien, um seine Lieblingsband, die Beatles, zu sehen. Später hatte es Rio – wenig überraschend – mehr mit den (Rolling) Stones.
Im Alter von 20 Jahren gründete er in einem Berliner Hinterhof die Kult-Band „Ton Steine Scherben“, in der viele Kritiker bis heute den „Urknall der deutschen Rockmusik“ sehen. Mit Stücken wie „Keine Macht für niemand“ oder „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ schlug die „Anarcho“-Formation gleich in mehrfacher Hinsicht neue Töne an und machte ihren Frontmann Rio über Nacht zum unbequemen Star.
In dieser Zeit bekannte sich Rio auch zu seiner Homosexualität. Nach mehrjähriger Unterbrechung und Vereinnahmung der Band durch die linke Szene, endete die Zeit von „Ton Steine Scherben“ Mitte der 1980er Jahre, nachdem sie sich mit ihrem vierten und letzten Album und der damit einhergehenden Tour finanziell komplett übernommen hatte. Managerin Claudia Roth (2021bis 2025 Kulturstaatsministerin), konnte zwar Schlimmeres verhindern, doch nach zwei weiteren Alben („Scherben“, 1983) und „Ton Steine Scherben in Berlin“ (1984) war dann endgültig Schluss.
Knapp zehn Jahre zuvor hatte sich die Band auf einen Bauernhof ins nordfriesische Fresenhagen zurückgezogen, das neue Domizil zur „Freien Republik“ erklärt und die Parole „Kuhfladen statt Kommunismus“ ausgegeben. Im dortigen Tonstudio entstand das melancholische Album „Wenn die Nacht am tiefsten…“.
Nach dem Ende von „Ton Steine Scherben“ machte Reiser allein weiter und sich selbst auf seinem Debütalbum zum „König von Deutschland“. Seine vielseitigen Talente – unter anderem als „Tatort“-Darsteller – oder als Autor – machten ihn zu einem der gefragtesten Künstler seiner Zeit. Doch was Weggefährtin Ulla Meinecke über Reiser sagt, bevor sie auf ihrem aktuellen Album dessen Song „Übers Meer“ anstimmt, würde Rio wahrscheinlich viel besser gefallen: „Mal ehrlich – mit wem kann man schon über das Texte-Schreiben im Halbbewussten sprechen…?“. Mit Rio konnte man selbst das!
Bildnachweis: © Museumsverbund Nordfriesland
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