4. September — 24. Oktober 2026
Rehbein Galerie Köln


In einigen der neuen Bilder von Stephan Melzl finden bauchige Formen von Vasen ihre Entsprechung in den Körpermitten von Frauenfiguren, während die Gefäße selbst beinahe körperhafte Züge annehmen. Zwischen beidem entsteht eine Verschiebung, in der die Grenze von Form und Inhalt – äußerer Erscheinung und dem, was diese in sich trägt – Durchlässigkeit erlangt. Dinge und Körper behaupten sich als eigenständige Erscheinungen und sind doch niemals unabhängig von den Beziehungen, in die sie gesetzt werden. Was sie beinhalten, entsteht nicht zuletzt aus ihrem Verhältnis zueinander. Melzls Malerei entspringt dem Gegeneinander, Miteinander und Nebeneinander.

Wie beim Schach. Auch dort ergibt sich die Rolle einer Spielfigur zwar aus ihrer eigenen Form und ihren spezifischen Möglichkeiten, wirksam wird sie jedoch erst in Relation zu den anderen Figuren und zu den Konsequenzen eines jeden Zuges. Einige Bildtitel in der Ausstellung sind dem Schach entlehnt. Zugzwang bezeichnet eine Situation, in der eine Spielerin oder ein Spieler zum Zug gezwungen ist, obwohl jeder mögliche Zug die eigene Stellung verschlechtern kann. Der Begriff bringt eine eigentümliche Spannung in die Bilder von Stephan Melzl. Jede Bewegung verändert die Konstellation, jeder Zug wirkt über die
einzelne Figur hinaus. Auch Bedenkzeit gibt den Arbeiten etwas Offenes. Das Spiel ist noch nicht beendet, der nächste Zug noch nicht getan. Die Bilder warten. Sie sind nicht final bestimmt, sondern bleiben in einem Zustand potenzieller Bewegung. Die Schachfiguren werden so zu einem Modell für Melzls Bildwelt. Sie behaupten sich einzeln und sind zugleich untrennbar in ein Gefüge von Beziehungen eingebunden. Zug um Zug verschieben sich die Gewichte zwischen Körpern, Gegenständen und Räumen. Keine Figur steht außerhalb dieses Spiels.

Und so wie die Spielfiguren, können auch Gefäße Tendenz und Inhalt aufnehmen oder in sich tragen. Die Boxhandschuhe etwa, die der kleine Junge in Double Punch trägt, sind ihm deutlich zu groß. Zugleich erscheinen sie wie eine Wappnung für das Leben, auf das er blickt. In ihnen liegt etwas, das über ihre konkrete Funktion hinausweist: das Kleine im Großen, das Große im Kleinen. Körper und Gegenstände übertragen ihre Größenverhältnisse und Bedeutungen aufeinander. Darin entstehen Verwandtschaften zwischen jung und alt, zwischen Unvoreingenommenheit und Lebenserfahrung, zwischen äußerer Form und dem, was sich in ihr verbirgt.

Die Sujets kehren in verschiedenen Bildern wieder. Körperhaltungen, Gefäße und Figuren erscheinen als Wiederholungen und Variationen, als sequenzielle Formen von Körperlichkeit, die ihr eigenes Echo bilden. Sie treten in ein Duell aus Bewegung und Starre. Melzl malt realistisch. Figuren und Gegenstände sind präzise erfasst, klar konturiert und mit einer beinahe unnachgiebigen körperlichen Präsenz versehen. Gerade diese Bestimmtheit lässt die Beziehungen, in die sie gesetzt werden, umso beweglicher erscheinen. Vorder- und Hintergrund, als auch die stark ausgeprägte Kennzeichnung von Licht und Schatten, Farben und Kontrastierungen in den Bildern Melzls, können ihre Hierarchien verschieben. Figuren stehen neben Dingen, wirkliche Personen neben Gegenständen. Auch dort, wo Melzls Bilder an das klassisch unbelebte Stillleben anschließen, bleibt dieses bei ihm immer auch lebendig. Das vermeintlich Unbelebte gewinnt durch seine präzise Setzung, seine körperliche Präsenz und seine Beziehung zu den umgebenden Formen eine eigene Lebendigkeit. Nichts geschieht im eigentlichen Sinne – und doch scheint zwischen den Dingen etwas in Gang zu sein.

Diese Verschränkung wird in einigen Arbeiten unmittelbar körperlich. Die ausgebreiteten Beine einer Frau bilden den Raum für einen Jungen, der mit verschränkten Beinen zwischen ihnen steht (Zugzwang). Der Körper wird hier nicht allein als abgeschlossene Einheit gezeigt, sondern als eine Form, die andere Körper aufnehmen, umschließen oder in Beziehung setzen kann. In zwei weiteren Arbeiten wird dieses Verhältnis über die Vase als Gefäß und Durchgang formuliert. Eine Katze bewegt sich in eine Vase hinein (Outside In), in einer anderen Arbeit tritt sie aus ihr hervor (Inside Out). Das Gefäß wird damit vom Behälter
zum Schauplatz einer Bewegung, in der etwas verschwindet und wieder erscheint. Was sich darin befindet, ist nicht endgültig gebunden; es kann seinen Ort wechseln, die Grenze der Form passieren und an anderer Stelle wieder auftauchen.

So liegt im Gefäß ein wiederkehrendes Motiv. Kleidung, Körper, Handschuhe, Vasen und Spielfiguren besitzen eine äußere Form, die etwas aufnehmen, verbergen, tragen oder hervorbringen kann. Das, was sich nicht unmittelbar zeigt, bleibt dennoch wirksam. Es schreibt sich in Haltungen, Proportionen, Gesten und Konstellationen ein. Melzl muss den Inhalt nicht ausstellen, damit er im Bild präsent ist.

Die Bilder geben ihren Gegenständen und Körpern eine klare, beinahe unbestechliche Gestalt und lassen zugleich offen, was sich in ihnen, durch sie hindurch oder zwischen ihnen ereignet. Ihre Motive sind gesetzt, aber nicht abgeschlossen. Sie sind in sich fest und bleiben doch in Bewegung. Nicht immer als sichtbare Handlung, sondern als fortgesetzte Möglichkeit ihrer Beziehungen. Das Bild hält diese Beziehungen zusammen, ohne sie je ganz zu einem Finale zu führen. Inside Out beschreibt damit weniger eine Umkehrung als eine fortwährende Bewegung zwischen dem, was inhaltlich erscheint, und dem, was sich darin ankündigt.
Elisa Mosch, 2026

Bildnachweis: Guter Hoffnung, 2026, Öl auf Holz, 80 x 65 cm


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