24. April bis 11. Dezember 2026
Literaturhaus Darmstadt / Kunst Archiv Darmstadt

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Ausstellung im Literaturhaus Darmstadt / World Design Capital 2026

Dennis Haustein (* 1991) befasst sich in seinen fotografischen Arbeiten intensiv mit der Geschichte unseres Umgangs mit der Natur und untersucht speziell die Repräsentationen der Natur in den Wissenschaften als Symptome ideologischer Diskurse. Vielfach hat er sich zudem mit der Situation der Natur im urbanen Raum auseinandergesetzt. Seine forensisch orientierten Arbeiten hinterfragen die sozialen Aspekte der Kategorie „Natur“, die sich durch die künstlerische Abstraktion auf demokratische Prinzipien zurückführen lassen.

In der Ausstellung „uncertain ground“ bezieht sich Haustein auf das Konzept der Kontamination, wie es die Anthropologin Anna Lowenhaupt Tsing in ihrem Buch „The Mushroom at the End of the World“ beschreibt. Kontamination wird hier als eine grundlegende Eigenschaft verstanden, die allen Lebewesen auf der Erde gemeinsam ist, als eine gegenseitige „Berührung“ und komplexe Verflechtung unzähliger Geschichten von Zerstörung, Kampf, friedlicher Koexistenz und zufälligen Begegnungen.

Mit dem künstlerischen Beitrag von Dennis Haustein beteiligen sich das Kunst Archiv Darmstadt und das Literaturhaus Darmstadt an der World Design Capital 2026. Die Präsentation wird unterstützt durch: Kultursommer Südhessen e.V., gefördert vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur, unterstützt von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen.

Text von Vivien C. Kämpf:

Hände, die einander halten, sich stützen und gegenseitig stabilisieren; auf unsicherem Boden. In diesem versinken sie: in der Erde, dem Laub, Wasser und Sand. Dort, wo verschiedene Lebensräume aufeinandertreffen und ineinander übergehen, sind komplexe Ökologien zu finden, die ein verantwortungsvolles Miteinander unverzichtbar machen. In Dennis Hausteins fotografischen Untersuchungen stehen die vielfältigen Verflechtungen des Lebens im Vordergrund. Dabei bezieht er sich auf Anna Lowenhaupt Tsings Buch „Der Pilz am Ende der Welt“, worin sich die Anthropologin mit dem Zustand der prekären Verbundenheit zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Wesen beschäftigt. Zentral ist hierbei Tsings Konzept der Verletzlichkeit, die notwendig ist, um ökosensible Beziehungen zu entwickeln, die auf der Anerkennung der gemeinsamen Verwundbarkeit basieren. Dies dient als Ausgangspunkt für Hausteins fotografische Serien „FECHER“ und „some lives on earth“. Aus der Perspektive eines Außenstehenden und doch nicht weniger Betroffenen begleitete Haustein über sechs Monate die Besetzung des Fechenheimer Waldes, eines kleinen Waldgebiets inmitten von Industriearealen bei Frankfurt am Main. Während er das Leben innerhalb dieses komplexen Gefüges aus Menschen und anderen Lebewesen untersuchte, lernte er die Aktivist:innen kennen, die ihren Alltag dem Ziel widmeten, den Bau eines Tunnels durch die Autobahn GmbH zu verhindern und so den artenreichen Lebensraum des Waldes zu schützen. Doch wo staatliche Instanzen das Bauvorhaben vorantrieben und weitgehend die Interessen der Betroffenen missachteten, scheuten sich die Aktivist:innen nicht, Verantwortung für die dort beheimateten Lebensformen zu übernehmen. Durch einen massiven Polizeieinsatz wurde die Besetzung schließlich geräumt und der Wald gerodet. Hausteins Fotografien agieren dabei als gezielte Fragmente eines Geschehens, das von Gewalt, Zerstörung und Kampf, aber auch von Fürsorge und Miteinander zeugt. Angesichts der tiefgreifenden Veränderungen des Kapitalozäns begibt sich Haustein in diesen versehrten Landschaften auf die Suche nach dem Unreinen und Spurenhaften. Die Serie „some lives on earth“ widmet sich daher der fragilen Schönheit von „schmutzigen“ Ökologien. In seinen stilllebenähnlichen Aufnahmen richtet er den Blick auf dunkle sowie verwahrloste Ecken und fragt nach ihrer Geschichte. Seinen dabei verzeichneten Funden widmet er sich mit nahezu forensischer Präzision: Tierische Überreste werden durch eine Vielzahl an Einzelaufnahmen rekonstruiert, während vorgefundene Szenerien akribisch mit Kunstlicht ausgeleuchtet werden, wodurch sie die scheinbar unbestechliche Präsenz eines Beweisstücks erhalten. Die Rekonstruktion des Lebens findet ihre Entsprechung in Hausteins mehrteiligen Installationen, bei denen die Fotografien lose auf Tableaus drapiert sind und so ihre eigene Verletzlichkeit offenbaren. Gleichzeitig entsteht dabei ein ambivalentes Spannungsfeld durch die stählerne Struktur, in die die Fotografien statisch eingebunden sind. Ohne schützendes Glas sind die fotografischen Körper den Blicken der Betrachtenden ausgeliefert und verweisen im Dialog mit- und untereinander auf einen Kreislauf, der das Leben unter, in und über der Erde vernetzt.

Bildnachweis: Dennis Haustein, #1398, 2022, Pigmentdruck, 50 x 40 cm


Kunst Archiv Darmstadt
Kasinostraße 3 / Literaturhaus
64293 Darmstadt

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