LOVE WILL TEAR US APART – AMIBIGUITÄT EINES STARKEN GEFÜHLS
1. Mai – 1. November 2026
Kunstmuseum Reutlingen | Spendhaus
Kuratiert von Charlotte Baumann, Dr. Stefanie Kogler-Heimburger, Johannes Krause-Schenk und Stephan Rößler
Reutlingen – Im Kunstmuseum Reutlingen eröffnet am Donnerstag, den 30.04. eine Ausstellung zum zentralen Thema menschlichen Daseins – dem existenziellen und starken Gefühl der Liebe. Ausgehend von dem bekannten Holzschnitt Der Kuss von Edvard Munch bringt die Ausstellung zeitgenössische Positionen mit Sammlungswerken in Berührung. So werden romantisierte Lesarten von Liebesdarstellungen hinterfragt und künstlerische Bildfindungen in ihrer Mehrdeutigkeit gewürdigt.
Liebe ist als existenzielles und starkes Gefühl das zentrale Thema menschlichen Daseins. Ob sie in romantischer Sehnsucht oder transaktionaler Nüchternheit gelebt werden, Beziehungen und Verhältnisse prägen das Leben. Zugleich ist Liebe die gesellschaftsbildende Kraft, die Menschen die Fähigkeit verleiht, einander zuzuhören und Widersprüche auszuhalten.
Ebenso kennt missverstandene Zuneigung die Abgründe von Alltagssexismus und patriarchalen Strukturen. Ausgelöst durch Berichte über sexuelle Übergriffe unter den Hashtags #aufschrei und #metoo wächst seither das Bewusstsein für ideologische und politische Dimensionen von Beziehungen und Intimität. Zugleich scheint es, das Private sei nie eindringlicher zum Gegenstand öffentlicher Debatten geworden als heute.
Bei einem Blick in die Städtische Kunstsammlung wird deutlich, dass sich auch die Lesarten von Kunst verändern: In künstlerischen Darstellungen des 20. Jahrhunderts stehen Einvernehmlichkeit und gegenseitige Zustimmung mitunter der Vereinnahmung und Selbstaufgabe in einer Paarbeziehung oder der Überwältigung durch Trieb undAffekt gegenüber.
Ausgehend von dem bekannten Holzschnitt Der Kuss von Edvard Munch hinterfragt die Ausstellung im Spendhaus romantisierte Lesarten von Liebesdarstellungen und würdigt die Bildfindungen zugleich in ihrer Mehrdeutigkeit.
Neben der Osloer Gemäldefassung schuf Edvard Munch vier Druckversionen des Holzschnittes Der Kuss in den Jahren 18897/98 bis 1902. In der Reutlinger Kunstsammlung befindet sich ein eigenhändiger Nachdruck der vierten Version aus dem Jahr 1916. Munch arbeitet hier mit einem Druckstock für den Hintergrund und einer Silhouettenplatte für das Motiv.
Der Kuss selbst ist wie die gesamte Physiognomie der Beteiligten nicht mehr auszumachen. Ein romantisches Verschmelzen, Leidenschaft und Innigkeit ist ebenso lesbar, wie ein Entindividualisierung, die Übergriffigkeit einer engen Umarmung oder Verlustängste eines Partners. Bislang als entmythologisierte Darstellung von endloser Liebe gelesen, bestimmen Mehrdeutigkeit und Widersprüchlichkeit von Intimität und Leidenschaft sowie Identität und Machtverhältnisse die Aussage des Druckes.
Aus zeitgenössischer Perspektive werden an den Werken der städtischen Kunstsammlung Diskurse über Macht- und Geschlechterverhältnisse, (De-)Konstruktionen von Beziehungen oder sexueller Identität sichtbar. In diesem Spannungsfeld konfrontiert die Ausstellung gattungsübergreifend Holzschnitte des 20. Jahrhunderts mit gegenwärtigen Positionen. Künstler:innen wie Amit Berlowitz, Jérémie Danon oder Nino Bulling setzen sich in ihren Arbeiten mit der Liebe im gesellschaftlichen und persönlichen Diskurs auseinander. Im Rahmen dieser künstlerischen Reflexionen können die Exponate aus der Sammlung neu gesehen und eingeordnet werden.
Love Will Tear Us Apart ist eine Ausstellung zur visuellen Ambiguität der Liebe und zeigt, wie vielschichtig und politisch dieses starke Gefühl ist.
Bildnachweis: Gonzalo Orquín, Sí, quiero (2013). Fotografie, variable Maße. Leihgabe des Künstlers, © the artist
Kunstmuseum Reutlingen
Spendhaus
Spendhausstraße 4
72764 Reutlingen
Öffnungszeiten
Di–So 11–17 Uhr, Do bis 20 Uhr
Am langen Donnerstag ist der Eintritt frei.
Schließtage: Heiligabend, Silvester, Karfreitag