4. September bis 24. Oktober 2026
Galerie Rupert Pfab


Die Werke von Aneta Kajzer und Ilse Henin treten in dieser Ausstellung in einen überraschend engen Dialog – über Generationen hinweg und trotz ihrer unterschiedlichen künstlerischen Ausgangspunkte. Beide Künstlerinnen entwickeln Bildwelten, in denen sich die Grenzen zwischen Mensch, Tier, Natur und Landschaft auflösen. Figuren, organische Formen und hybride Wesen erscheinen in einem Zustand ständiger Verwandlung und eröffnen Bildräume, die sich eindeutigen Zuschreibungen entziehen. Während Ilse Henin bereits seit den 1970er Jahren Fragen nach ökologischen Zusammenhängen, feministischen Perspektiven und dem Verhältnis von Mensch und Umwelt in eine poetisch-symbolische Bildsprache übersetzt, entfaltet Aneta Kajzer diese Themen in einer zeitgenössischen, intuitiven Malerei zwischen Abstraktion und Figuration. Gemeinsam machen ihre Arbeiten sichtbar, wie eng alles Lebendige miteinander verwoben ist – und wie Malerei und Zeichnung Erfahrungsräume schaffen können, in denen sich Wirklichkeit, Erinnerung und Imagination auf neue Weise begegnen.

Aneta Kajzers Malerei bewegt sich in einem schwebenden Zustand zwischen Abstraktion und Figuration. Ihre Bilder entstehen in einem intuitiven Malprozess, in dem sich Formen beständig wandeln und nie eindeutig festlegen lassen. Was zunächst abstrakt erscheint, kann bei genauer Betrachtung als Landschaft, Wetterphänomen, menschliche Figur oder organisch anmutende Wesen gesehen werden, die fließend ineinander übergehen.
Diese Offenheit entspricht einem zeitgenössischen Verständnis von Malerei, das starre Kategorien wie abstrakt und figurativ bewusst überwindet. Die Mehrdeutigkeit der Bilder wird durch eine äußerst sensible, den Motiven angepasste Farbigkeit verstärkt. Farbe wird dabei zum emotionalen und erzählerischen Medium und eröffnet Bildräume, in denen Vertrautes und Fremdes zugleich präsent sind.
Kajzers Arbeitsweise erzeugt eine traumartige, fließende Wirklichkeit: Figuren lösen sich im Hintergrund auf, Landschaften verwandeln sich in Körper, Farbspuren verdichten sich zu Gesichtern, Tieren oder hybriden Wesen, ohne jemals vollständig konkret zu sein. So hält ihre Malerei unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten bewusst offen und wurde nicht zuletzt als eindringliche Reflexion über das Menschsein beschrieben.
Aneta Kajzer (*1989 in Kattowitz, Polen) zählt zu den prägenden Positionen der jüngeren zeitgenössischen Malerei in Deutschland. Internationale Aufmerksamkeit erlangte sie unter anderem durch ihre Teilnahme an der Ausstellung JETZT! Junge Malerei in Deutschland (2019/20). Zu ihren Auszeichnungen zählen das Arbeitsstipendium der Stiftung Kunstfonds (2019), das Marianne-Defet-Malerei-Stipendium (2021) sowie der Kallmann-Preis (2022). Ihre Werke befinden sich in bedeutenden öffentlichen Sammlungen, darunter die Bundeskunstsammlung, die Kunstsammlungen Chemnitz und das FRAC Auvergne (Frankreich). Zuletzt zeigte die Neue Galerie Gladbeck eine umfangreiche Einzelausstellung der Künstlerin.

Ilse Henin (1944 in Bad Godesberg) zählt zu jenen Künstlerinnen ihrer Generation, deren Werk sich über Jahrzehnte konsequent jenseits kunstmarktbestimmter Entwicklungen entfaltet hat. Nach dem Studium an der Kunstakademie Karlsruhe bei Horst Egon Kalinowski (1966–1970) entwickelte sie eine unverwechselbare zeichnerische und malerische Sprache, die politische Wachheit mit poetischer Imagination verbindet. Seit den frühen 1970er Jahren entstehen Arbeiten, die sich einer eindeutigen stilistischen Zuordnung entziehen und stattdessen einen eigenständigen Kosmos zwischen Figuration, Mythos und gesellschaftlicher Reflexion eröffnen. Ilse Henins Werk wurzelt in ihrer Kindheit auf einem landwirtschaftlichen Hof, in späteren mehrfachen und längeren Aufenthalten in Südfrankreich, wo sie wichtige Kontakte zu dort lebenden Künstlerinnen knüpfte, sowie in den gesellschaftlichen Umbrüchen der späten 1960er und frühen 1970er Jahre. Die Erfahrungen der Studentenrevolte, der Frauen- und Friedensbewegung und der ökologischen Proteste bildeten den historischen Rahmen ihres künstlerischen Denkens. Anders als viele politisch engagierte Positionen ihrer Zeit übersetzt sie diese Impulse jedoch nicht in illustrative Programmatik, sondern in eine vielschichtige Bildsprache, in der persönliche Erfahrung, kollektive Erinnerung und archetypische Symbolik miteinander verschmelzen.
Im Zentrum ihres Œuvres steht die Frage nach den Beziehungen zwischen Mensch, Tier und Natur. Ihre Zeichnungen und Gemälde bevölkern Figuren, Tiere und hybride Wesen, die als gleichwertige Akteure eines gemeinsamen Lebensraums erscheinen. Die Grenzen zwischen den Spezies verlieren ihre Eindeutigkeit; Verwandlung, Durchdringung und gegenseitige Abhängigkeit werden zu grundlegenden Strukturprinzipien ihrer Bildwelt. Damit antizipiert Ilse Henins Werk in bemerkenswerter Weise gegenwärtige Diskurse um ökologische Verantwortung, posthumanistische Denkmodelle und feministische Perspektiven auf das Verhältnis von Mensch und Umwelt.
Charakteristisch für ihre Arbeiten ist eine souveräne zeichnerische Handschrift. Mit sparsamen, zugleich hochpräzisen Linien entwickelt die Künstlerin komplexe Kompositionen von großer rhythmischer Dichte. Farbe tritt häufig als eigenständiger emotionaler und atmosphärischer Bildträger hinzu. Die Offenheit der Form lässt Raum für Assoziationen und verweigert eindeutige Lesarten. Traum, Erinnerung und Realität durchdringen einander, ohne ihre jeweilige Eigenständigkeit aufzugeben.
Obwohl Ilse Henin über Jahrzehnte kontinuierlich gearbeitet hat, blieb ihr Werk lange außerhalb des breiten kunsthistorischen Diskurses. Erst in jüngerer Zeit erfährt es die Aufmerksamkeit, die seiner Eigenständigkeit und Aktualität entspricht. Die Ausstellung Die unhintergehbare Verflechtung aller Leben in der Kunsthalle Düsseldorf (2023) machte sichtbar, wie gegenwärtig ihre Bildsprache angesichts heutiger Debatten um Feminismus, Klimakrise und gesellschaftliche Transformation erscheint. Ihre Arbeiten wirken dabei nicht retrospektiv, sondern überraschend zeitgenössisch – als hätte ihre künstlerische Haltung Entwicklungen vorweggenommen, die erst heute in ihrer ganzen Tragweite sichtbar werden.

Bildnachweis: Aneta Kajzer, In the Atmosphere, 2026, 260 x 200 cm, Öl auf Leinwand


Galerie Rupert Pfab
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