5. Juni – 1. November 2026
Deichtorhallen Hamburg


Der deutsch-türkische Künstler Abdulhamid Kircher (*1996) setzt sich in seiner analogen fotografisch-installativen Arbeit mit den Folgen von Patriarchat und Gewalt sowie mit der Suche nach Versöhnung und Nähe auseinander. Sein Werk versteht er als fragmentarisches, lebendiges Familienalbum. Er umkreist dabei die Abwesenheit des Vaters, eine Leerstelle, die zur Sehnsuchts- und Projektionsfläche wird. Die in Hamburg gezeigte Installation verbindet Abdulhamid Kirchers intime wie dokumentarische Fotografien mit Bildern aus dem Familienarchiv, Objekten und persönlichen Texten. Alle fotografischen Elemente werden von ihm vor Ort gedruckt, in verschiedenen Formaten präsentiert und neu zueinander in Beziehung gesetzt.

Die Ausstellung ROTTING FROM WITHIN empfängt Besucher*innen mit einem wuchernden Panorama aus Fotografien, Texten und Archivmaterial. Die neu entwickelte, 9 Meter breite und über 2 Meter hohe Installation verwebt Szenen, Begegnungen und Abschiede zwischen Berlin und der Türkei, aus denen sich puzzleartig die Dynamik einer Vater-Sohn-Beziehung zusammensetzt. In dieser Präsentation erweitert Kircher den Fokus um seinen Großvater väterlicherseits. Die Vater-Sohn-Konstellationen in den Aufnahmen erzählen von Einsamkeit, Sucht, Gewalt und Verletzungen, aber auch von Annäherung, Rausch, Berührung und Trauer. 

Abdulhamid Kirchers Bildsprache – intensive Farben, kontrastreiche Lichtstimmungen und emotionale Frequenzen – verstärkt die Unmittelbarkeit und Verletzlichkeit seiner Motive. Er arbeitet dabei mit analoger Fotografie und bewusst auch mit deren Limitierungen: »Ich bin fasziniert von ihren Grenzen, die mich oft zu Wegen führen, die meine Augen nicht sehen können«, erklärt er, »[…] ich versuche, ihre Langsamkeit und ihre Fähigkeit, Bewegung und Unvollkommenheiten darzustellen, anzunehmen. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, perfekt gerenderte Bilder zu sehen, dass wir die Lebendigkeit der Welt aus den Augen verloren haben – die Tatsache, dass sich die Dinge ständig weiterentwickeln und wieder vergehen.«

ZU AbDULHAMID KIRCHER

Abdulhamid Kircher (*1996) wurde als Sohn deutscher und türkischer Eltern in Berlin geboren und wanderte im Alter von acht Jahren mit seiner Mutter in die Vereinigten Staaten aus. Er schloss 2018 sein Studium der Kultur- und Medienwissenschaften an der New School mit einem Bachelor of Arts ab und erwarb 2022 einen Master of Fine Arts in Bildender Kunst an der University of California in San Diego. Kirchers Fotobücher Rotting from Within (2024) und New Genesis (2026) erschienen bei Loose Joints, Marseille. Er wurde mit dem Grand Prix Images Vevey 2025/2026 und dem Hamburger Bahnhof Studio Award 2026 ausgezeichnet. Der Künstler lebt in New York City und Berlin.

Als Beitrag zur 9. Triennale der Photographie Hamburg 2026 und ihrem kuratorischen Rahmenkonzept »Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other« vollzieht ROTTING IN WITHIN die Auseinandersetzung mit »the Other« als Begegnung mit dem Anderen im engsten familiären Umfeld. Der »Unbekannte« ist hier kein Außenstehender, sondern der eigene Vater und Großvater. Die Kamera begleitet den Prozess des Kennenlernens und ermöglicht Intimität, gemeinsame Zeit und Dialog, fungiert aber zugleich als Schutzschild und legitimierender Rahmen für die neue Nähe zwischen Vater und Sohn. 

Der sehr persönliche Ansatz seiner künstlerischen Praxis spiegelt sich auch in Kirchers ortsspezifischer Herangehensweise. Mithilfe eines Großformatdruckers und Scanners produziert er Elemente des für seine Installationen verwendeten Bildmaterials im Ausstellungsraum selbst, variiert dabei in einem intuitiv-assoziativen Prozess die Größen und Formen. Den Fotografien begegnet er stets mit neuem Blick, reflektiert die mit ihnen verbundenen Erinnerungen, Gefühle und Geschichten und bringt sie in ein immer wieder anderes Beziehungsgefüge, das ebenso beweglich und fluide ist wie die Verbindungen zwischen den dargestellten Personen. »In dieser Arbeit geht es um meine Familie, unser Leben und all dessen inneren Zusammenhänge. Letztendlich dreht sich alles um Wandel und Muster, daher erscheint es mir nur richtig, den Ausstellungen dieselbe Freiheit zu gewähren«, so Abdulhamid Kircher.

Kuratiert von Nadine Isabelle Henrich, Kuratorin Haus der Photographie. Kuratorische Assistenz: Viktoria Rochambeau, kuratorisches Volontariat, Haus der Photographie

Zur Ausstellung erscheint im Rahmen der 9. Triennale der Photographie ein Leporello mit Bildsequenzen aus Abdulhamid Kirchers Familienarchiv und Arbeiten aus der Serie Rotting from Within sowie einem Text von Nadine Isabelle Henrich.

BEGLEITENDES WORKSHOP-PROGRAMM:  »DARK ROOMS, ANALOGUE FREQUENCIES«

Gemeinsam mit der Hochschule für bildende Künste Hamburg richten wir ein offenes Schwarz-Weiß-Fotolabor mit Dunkelkammer als Teil der Ausstellungen ein. Zwei unterschiedliche Workshops führen in die Arbeit in der Dunkelkammer ein. »Grundlagen der Filmentwicklung – Vom latenten Bild zum Kontaktabzug« bietet eine Einführung in die analoge Schwarz-Weiß-Fotografie, bei dem Teilnehmende aus belichteten Filmstreifen erst Negative und anschließend einen ersten Kontaktabzug erstellen. »Found Footage Familienarchiv – Vom Negativ zum Abzug« lädt dazu ein, analoges (Bild)Material aus privaten Archiven experimentell neu zu erschließen und zu transformieren.

Die wöchentlich stattfindenden Workshops schaffen Raum für Begegnung, Gemeinschaft und Widersprüche. Unter gedämpftem Rotlicht entstehen Bilder in einem langsamen, fast ritualisierten Prozess. Fotografien entwickeln sich im chemischen Bad, während sich Wahrnehmung und Zeitgefühl verschieben. Im Mittelpunkt stehen dabei die entschleunigenden, körperlichen und oft auch unvorhersehbaren Qualitäten analoger Fotografie.

KURATORIN

Nadine Isabelle Henrich, Kuratorin des Haus der Photographie

OPENING DAYS

Die Opening Days vom 4. Juni bis 14. Juni 2026 umfassen den Opening Parcours aller institutionellen Ausstellungen sowie die Präsentationen von 15 Projekten aus der lokalen freien Foto- und Kunstszene, die im Rahmen der Triennale Expanded eröffnen. Begleitet wird dieser Auftakt von einem umfangreichen interdisziplinären Festivalprogramm aus Künstler*innen-Gesprächen, Performances, Screenings, Musik und besonderen Führungen. Das Festivalzentrum auf dem Vorplatz der Deichtorhallen ist im Sinne des diesjährigen Triennale-Themas ein Ort für Austausch und Begegnung zwischen den internationalen Gästen und Besucher*innen. Nähere Informationen unter: 2026.photo-triennale.de

FILM SCREENING

Anlässlich der Ausstellung präsentiert das Abaton Kino Hamburg am Montag, 8. Juni 2026, um 17:30 Uhr den Film »Noch ein Kind – Still a Kid« der libanesisch-deutschen Filmemacherin Maxi Hachem über das Leben Abdulhamid Kirchers. Anschließend Q&A mit der Produzentin und dem Künstler. Ticketpreis: 6 Euro.

TRIENNALE TICKET

Während der Opening Days ermöglicht das neu eingeführte Triennale Ticket den einmaligen Besuch aller elf Ausstellungen der acht teilnehmenden Institutionen. Es ist an den Kassen der beteiligten Häuser erhältlich und kostet regulär 35 Euro und ermäßigt 25 Euro.

ÖFFNUNGSZEITEN

Dienstag bis Sonntag, 11–18 Uhr. Jeden 1. Donnerstag 11–21 Uhr bei freiem Eintritt ab 18 Uhr.

Bildnachweis: Abdulhamid Kircher, Untitled, 2016 © Abdulhamid Kircher. Courtesy of the artist and carlier | gebauer, Berlin/Madrid


Deichtorhallen Hamburg
Deichtorstr. 1-2
20095 Hamburg
Tel. 040-321030
besucherbuero@deichtorhallen.de
WWW.DEICHTORHALLEN.DE

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