1. Mai bis 19. Juli 2026
Robert-Sterl-Haus


Ausstellung zu Robert Sterls Steinbrechern zum Jubiläum des Malerwegs eröffnet

Das heutige Aussehen der Sächsischen Schweiz ist maßgeblich durch die Steinbrüche in der Region geprägt worden. Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Malerwegs widmet sich die Ausstellung „Ein wahres Bild unserer Zeit – Steinbrecher im Werk von Robert Sterl“ der einzigartigen künstlerischen Auseinandersetzung des Dresdner Künstlers mit dem Elbsandsteingebirge. So eröffnet die Ausstellung einen eindrucksvollen Blick auf die Arbeits- und Lebenswelt der Steinbrecher der Region um 1900 und zeigt zugleich, wie deutlich sich Sterls Kunst von der Sichtweise der Romantik auf die sogenannte Sächsische Schweiz unterscheidet.

Bereits 1893 hielt sich der damals erst 26-jährige Künstler erstmals nachweislich in den Steinbrüchen des Elbsandsteingebirges auf. Anlass war ein Illustrationsauftrag für die Familienzeitschrift Universum. Der Artikel „Aus den Elbsandsteinbrüchen“ des Schriftstellers und Redakteurs Theodor Gampe (1845-1897) behandelte die Geschichte, Geologie und Nutzung des Sandsteins ebenso wie die harten Arbeits- und Lebensbedingungen der Steinbrecher. Krankheiten wie die Silikose („Staublunge“) und schwere Arbeitsunfälle gehörten zum Alltag der Arbeiterfamilien und prägten deren soziale Situation.

Robert Sterl war dieses Leid nicht fremd. Sein eigener Vater, ein Steinmetz, war an Silikose erkrankt, früh arbeitsunfähig geworden und starb, als Sterl 16 Jahre alt war. Seine Mutter musste die Familie allein mit Obstverkäufen und Wäscheaufträgen versorgen. Diese persönliche Erfahrung dürfte den Künstler nachhaltig geprägt haben. Während Sterl 1893 zunächst entsprechend der Inhalte des Artikels vor allem Arbeitsabläufe, Werkzeuge und die Landschaft veranschaulichte, entwickelte sich daraus wenige Jahre später ein zutiefst persönliches und gesellschaftlich relevantes Thema seines Schaffens.

1896 schrieb Sterl an seine Verlobte Helene Hedelt (1873-1950) über das geplante Gemälde Feierabend Steinbrucharbeiter: Es solle „ein wahres Bild unserer Zeit“ werden und das harte Los der Arbeiter zeigen, „dazu bestimmt, tagtäglich gefahrvolle Arbeiten zu verrichten und müde nach der Tagesschicht nach Hause zu den Seinen“ zurückzukehren. Damit rückte erstmals die soziale Frage in den Mittelpunkt seiner künstlerischen Auseinandersetzung mit den Steinbrechern. 1897 kehrte Sterl in die Steinbrüche nach Groß Cotta und Schmilka zurück, fertigte zahlreiche Skizzen an und entwickelte daraus zunächst eine Lithografie und schließlich 1898 das monumentale Gemälde Feierabend Steinbrucharbeiter, das noch im selben Jahr im Münchner Glaspalast ausgestellt wurde.

Die beiden Werke zeigen Steinbrecher nach getaner Arbeit. Müde, aber kraft- und würdevoll ziehen sie – ganz nah an die Bildgrenze herangezogen – vorbei. Einzelne von Ihnen haben ihr Werkzeug geschultert. Durch seine stille Innerlichkeit, regt vor allem das Gemälde dazu an, über das schwere Los der Steinbrucharbeiter nachzudenken, ohne dabei anklagend zu erscheinen. Heute gilt das Gemälde als verschollen. Im Robert-Sterl-Haus existiert nur noch eine Fotografie des Bildes. Die Lithografie hingegen wirkt allein schon aufgrund der gewählten Technik dunkler, die Männer verschlossener. Darüber hinaus hat Sterl die dichtgedrängte Gruppe der dahinziehenden Arbeiter am linken Bildrand stark angeschnitten, so dass die Wirkung einer unendlichen Schlange von in sich gekehrten, in ein Tal hinabschreitenden Männern entsteht. Damit vermittelt besonders die Lithografie die Idee und das Bildmotiv des Proletariats als Masse und gesellschaftliches Phänomen – ein zentrales Thema der Kunst um 1900. Sterls Arbeiten stehen somit in einem Spannungsfeld mit Werken anderer Künstlerinnen und Künstler jener Zeit, etwa den heroisch anmutenden Arbeiterdarstellungen des belgischen Bildhauers und Malers Constantin Meunier oder den anklagenden, sozialkritischen Grafiken von Käthe Kollwitz.

Robert Sterl entscheidet sich für das Motiv des Feierabends. Ohne die Steinbrecher aktiv bei ihrer anstrengenden und gefährlichen Arbeit zu zeigen, verdeutlicht er ihren langen, harten Arbeitstag, indem er sie nach einer üblichen 12-Stunden-Schicht müde nach Hause pilgern lässt. Allein durch die Wahl des Steinbrecher- und Feierabendmotives greift er bereits wesentliche Punkte der damals aktuellen sozialen Frage auf: lange Arbeitszeiten, fehlender oder unzureichender Arbeitsschutz sowie mehr oder weniger garantierte Invalidität und soziale Not durch eine Silikose.

Nichtsdestotrotz hat der Sandsteinabbau eine lange Tradition in der Region. Bereits seit dem Mittelalter wurde der Sandstein des Elbsandsteingebirges für Burgen, Kirchen, Brücken und später für die barocke Architektur Dresdens genutzt. Um 1900 arbeiteten noch 3000 bis 4000 Menschen in mehr als 300 Betrieben der Sandsteinindustrie. Mit der Industrialisierung und den sozialen Umbrüchen jener Zeit entstanden dann zunehmend Arbeiterbewegungen und Streiks, die bessere Arbeitsbedingungen forderten. Beides wird auch an Robert Sterl nicht unbemerkt vorübergegangen sein. So offenbart auch ein Blick in seine Bibliothek eine Auseinandersetzung mit Fragen der Arbeiterbewegung und der einsetzenden Sozialdemokratie. Interessant ist zudem, dass er die Steinbrüche zu einer Zeit erfasste, als sich die Branche bereits im Wandel befand. So existierten 1925 im Vergleich zur Jahrhundertwende nur noch etwa 17% der Betriebe, nachdem zunehmend andere Baustoffe genutzt wurden. Auch mit seinen Darstellungen von Töpfern in Hessen um die Jahrhundertwende wählte er ein Gewerbe, das im Zuge der Industrialisierung und der zunehmenden Nutzung von Steingut einen Wandel und Niedergang verzeichnete.

Es vergehen wiederum mehrere Jahre bevor Sterl erneut die Elbsandsteinbrüche für künstlerische Arbeiten aufsucht. Diese späteren Werke aus den Jahren 1909, 1911 und 1913 offenbaren einen Wandel seines Blickes: Nun interessieren ihn vor allem Licht, Farbe, Bewegung und Dynamik der Arbeit. Die unmittelbare soziale Botschaft tritt zugunsten des rein künstlerischen, impressionistischen Interesses zurück.

1920 greift Sterl das Steinbrecher-Thema ein letztes Mal auf. Inzwischen durch zahlreiche Verpflichtungen und eine immer schlechter werdende Gesundheit zeitlich und körperlich eingeschränkt, arbeitet er nicht mehr direkt vor Ort in den Steinbrüchen, sondern greift jetzt auf den reichen Fundus seiner Skizzen und Zeichnungen der vorangegangenen Jahre zurück. Aus der Not eine Tugend machend, schafft es Sterl nun, ohne sich wie früher von unmittelbaren Eindrücken oder aktuellen Erlebnissen leiten zu lassen, die alten Motive klarer und in ihrer malerischen Aufmachung großzügiger darzustellen. Gleichzeitig sind diese Bilder im Vergleich zu seinen früheren Arbeiten von einer noch stärkeren Expressivität und größeren Vielschichtigkeit der Bildebenen geprägt.

Die Steinbrecher stellen ein zentrales Motiv im Schaffen des Künstlers Robert Sterl dar. Bereits zu Lebzeiten wurden diese erfolgreich überregional ausgestellt, von der Presse gelobt und erzielten hohe Preise im Kunsthandel. Auch heute noch wird Robert Sterl gemeinhin vor allem mit seinen Steinbrecherbildern verbunden. Dies schlägt sich nach wie vor im Kunsthandel nieder. Im März letzten Jahres wurde mit dem Gemälde „Drei Steinbrecher beim Abdrücken des Blocks“ aus der Zeit um 1909 beispielsweise ein Auktionsrekord mit einem Zuschlag für 28.000 € erzielt.

Anhand von ausgewählten Ölbildern, Zeichnungen, Skizzen, historischen Fotos und Objekten aus dem hausinternen Nachlass präsentiert die Ausstellung somit einen exemplarischen Überblick über Robert Sterls künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema der Steinbrecher. Ausgehend von Robert Sterls Anspruch 1896 ein „wahres Bild“ seiner Zeit schaffen zu wollen, möchte die Ausstellung gleichzeitig für die kritische Auseinandersetzung mit dem „Wahrheitsgehalt“ von Bildern sensibilisieren. Allzu oft werden die Steinbrecherdarstellungen von Sterl heute so als reine Abbildung der Wirklichkeit missverstanden. Dabei wird vergessen, dass Sterl als Künstler die Welt der Steinbrecher auf eine bestimmte Art und Weise präsentiert, inszeniert – entsprechend seinem jeweiligen, beabsichtigten Ziel sich illustrativ, kritisch oder impressionistisch-malerisch mit dieser auseinanderzusetzen. Es handelt sich um keine objektive Darstellung von Fakten, sondern den individuellen Umgang mit einem Thema. So entspricht zu Robert Sterls Zeit allein schon die Abkehr von idealisierten Darstellungen und Hinwendung zu sozial relevanten Themen einen bestimmten Grad von „Wahrheit“. Weiterhin gelten vor allem im Impressionismus die malerische Wiedergabe von flüchtigen, individuellen, sinnlichen Wahrnehmungen als „wahrhaftige“ Wiedergabe. Schließlich können auch die Nutzung und Einbindung eines Bildes, den vermeintlichen „Wahrheitsgehalt“ bestimmen. So wird in der Ausstellung anhand eines Geschichtsbuches der achten Klasse aus der DDR gezeigt, dass gerade eines der Gemälde von Robert Sterl, in dem der malerische und nicht der sozialkritische Aspekt im Fokus steht, als vermeintliches künstlerisches Statement und Visualisierung der „kapitalistischen Ausbeutung des Proletariats“, wie es direkt daneben nachzulesen ist, genutzt worden ist.

Doch auch abseits der Frage, was ein Bild zu verschiedenen Zeiten leisten kann und will, offenbaren vor allem Robert Sterls Feierabendbilder angesichts aktueller, politischer Diskussionen über Arbeitszeit, Arbeitsbedingungen und Sozialleistungen eine weiterhin oder erneut bestehende Relevanz.

Bildnachweis: Robert Sterl, Feierabend Steinbrucharbeiter, 1897, Lithografie, Naundorf, Robert-Sterl-Haus, B 06


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