MARIETA CHIRULESCU, FRED SANDBACK „PHASE“
28. Februar bis 18. April 2026
Galerie Thomas Schulte
In Phase, einer Doppelausstellung mit Leinwänden von Marieta Chirulescu und Skulpturen von Fred Sandback in der Galerie Thomas Schulte, nehmen gedeckte und veränderliche Oberflächen die Funktion von Schwellen an. Den Arbeiten ist eine prozesshafte, intuitive Herangehensweise gemeinsam, die veränderliche Wahrnehmungen von Licht und Raum einbezieht. Was zunächst reduziert oder leer wirken mag, nimmt langsam weitere Dimensionen an, einschließlich der Dimension der Zeit – ein Gefühl von Vergänglichkeit, was das hinterfragt, was uns als festumrissene Geometrien erscheinen könnte. Zwischen Öffnung als Oberfläche und der Solidität der Transparenz wird unsere Aufmerksamkeit auf etwas gezogen, das tatsächlich da ist, uns aber sonst entgehen könnte: Raum als subtile, materielle Präsenz.
Auf weitgehend monochromen Leinwänden, häufig, aber nicht ausschließlich in Weißtönen gehalten, erzeugen Chirulescus Arbeiten wechselnde Transluzenzen, Tiefen und Strukturen. Häufig kombiniert sie physische, malerische mit fotografischen und digitalen Gesten und Markierungen und stützt sich dabei auf unterschiedlichen Medien und Bildherstellungs- und Reproduktionstechniken. Schichten werden aufeinandergelegt und dabei vivisuelle Spuren reduziert – die so entstandenen Arbeiten oszillieren zwischen dem Konkreten und dem Spektralen. Dies kann beispielsweise in einem Schillern zum Ausdruck kommen: eine Wirkung von Licht und Bewegung. Als ob von innen beleuchtet, generieren echte Spiegelungen in einigen Arbeiten die Illusion von Dreidimensionalität, während sie gleichzeitig die tatsächliche Präsenz des Bildes verstärken. Es ist der hauchdünne Raum zwischen Schichten, wie ein Blatt Papier auf der Glasplatte eines Scanners, den Chirulescu aktivieren möchte. Von der Verwendung eines Scanners zur Entwicklung eines Bildes, das trotzseiner Nähe eine eigene Tiefenwirkung bewahrt, bis hin zu Farben, die erst im Zusammenspiel von Material und Schatten entstehen – hier gewinnt Lichtformgebende Kraft und tritt in überraschender Dichte hervor. Die hier gezeigten Inkjet-Drucke auf Leinwand, die teilweise mit Farbe und Textilien versehen sind, umfassen fast zehn Jahre von Chirulescus Schaffen. Sie zeugen sowohl von den weitreichenden Möglichkeiten der Bildfindung innerhalb dieses Rahmens als auch von einer bemerkenswerten formalen Kontinuität. Abgesehen von sichtbaren Überlagerungen von Schnipseln und Fragmenten treten gelegentlich am Rande der Leinwände materialspezifische Besonderheiten auf. Diese stellen abstrakte Bezugspunkte innerhalb eines ansonsten offenen Feldes dar. Falten und Schatten, als temporäre oder sich verändernde Zustände von Stoff, werden durch den Einsatz von Farbe und Grundfarbe oder die Verwendung von Schatteneffekten in digitalen Verarbeitungsprogrammen fixiert. In beiden Fällen trägt der Eindruck eines allmählichen Entfaltens zu dem Gefühl bei, dass die Arbeiten belebt sind. Als Verfahren, die eigene Markierungen und Spuren hinterlassen können, fügen Scanner und Fotokopierer Streifen, Unschärfen oder Störungen hinzu. Eine einzelne, gerade, leuchtende Linie kann sich – meist vertikal – von einem Rand zum anderen ziehen und wie eine Schnur erscheinen, wodurch eine materielle Spannung entsteht, die mit horizontalen Wellen, Bändern und Markierungen in Beziehung tritt. Dies wird bisweilen insbesondere durch Rauschen unterbrochen – mit ausgefranster Konsistenz, wodurch die Verbindung brüchig wird. Andere Flächen in unterschiedlichen Zuständen von Kontinuität und Störung rahmen oder teilen die Leinwand gelegentlich und schaffen ein Geflecht von Beziehungen, das ihre objekthafte Präsenz betont. Die schmale Schattenlinie vom unerschütterlichen Rand einer transparenten Platte beispielsweise beginnt, sich in eine Falte darunter abzusenken und die Linie zu unterbrechen, während sie einen kleinen Eingangspunkt aufreißt. Beleuchtung und Transparenz entstehen durch das Hinzufügen von Schichten. Die Räume hier sind weitgehend durch vertikale Bewegungen definiert, die von Chirulescus Leinwänden ausgehend in Sandbacks Installationen nachhallen. Die Schlankheit und Leichtigkeit von Sandbacks linearen Skulpturen, die er seit den späten1960er Jahren produziert, geben ausgedehnten Volumen und Flächen, die unfixiert bleiben, eine straff definierte Form. Vielteilige, vertikale Konstruktionen und offene Formen führen zu Kontaktpunkten zwischen unterschiedlichen architektonischen Oberflächen in verschiedenen Konstellationen. Raum verwandelt sich in Flächen, wird gefaltet, zerschnitten und kreuzt sich mit bestehenden horizontalen Linien und Ecken. Gerade während die Arbeiten aus einem objektähnlichen Zustand heraus reduziert werden, behalten sie ihr körperliches Wesen. Die Präzision und Spannung der geraden Linien wird subtil von der weichen Textur der unterschiedlichen farbigen Acrylgarne ausgeglichen, die ein durchscheinendes Aussehen annehmen: leuchtend, aber unscharf. Der Faden kann auf Wände und Boden Schatten werfen – wie weitere Fäden oder Linienzeichnungen–, manchmal eine sich verändernde und zarte Präsenz, manchmal ein starker Ausdruck. Durch Sandbacks Skulpturen eröffnen sich klare und kontinuierliche Sichtachsen, auch wenn sie gleichzeitig effektiv geteilt werden. Hier sind parallele Linien und rechte Winkel, die Flächen, Wandschirme oder Portale bilden. Das Garn generiert mehr Winkel und Ecken, Fenster und Türen, als ein Zimmer hat, während es dessen Eigenschaften unterstreicht. Es mag die kleine Lücke zwischen einem Faden und der Wand oder dem Boden sein – insbesondere, wenn sie, aus einer Entfernung betrachtet, zu kollabieren scheint – die dann insbesondere eine große Spannung und das Potential zur Aktivierung hält. In manchen Fällen, wo das Garn ein wenig von der Wand entfernt schwebt, ist es keine gänzlich flache Form, die umrissen wird, aber sie ist auch nicht wirklich dreidimensional. Wie eine Fläche vor einer Fläche, rahmt sie und fügt dabei eine weitere Schicht hinzu: ein Dazwischen, wo nur der Raum Form gewinnt. Sandbacks Arbeiten verändern ihre Wirkung und ihren Maßstab je nachdem Umfeld, in dem sie sich befinden. Rhythmen verändern sich ständig mit unseren eigenen Bewegungen, Formen treten in den Vordergrund, bleiben aber teilweise undefiniert. Die Grenzen zwischen Innen und Außen werden dabei nie vollständig realisiert – ein Effekt, der durch die Installation im Corner Space der Galerie noch verstärkt wird, die ein vergleichbares Wechselspiel erzeugt.
Phase, als eine Angabe von Zeit, könnte eine graduelle Verschiebung andeuten, von Licht oder Farbe, als ein Zwischenzustand, ein laufender Prozess oder eine zyklische Wiederkehr. Die unbetitelten, entschieden nicht-referenziellen Werke der Ausstellung transportieren sowohl eine Offenheit als auch eine greifbare Erweiterung der Grenzen ihrer jeweiligen Medien – materielle Bedingungen, die durch Resonanzen im Raum in Gang gesetzt werden.
Text von Julianne Cordray
Übersetzung von Wilhelm von Werthern
Marieta Chirulescu, geboren 1974 in Sibiu, Rumänien, reflektiert in ihrer Arbeit die ästhetischen und konzeptuellen Voraussetzungen der zeitgenössischen Malerei sowie darüber hinaus die Bedingungen des Bildes in der Gegenwart. Sie studierte an der Akademie der Bildenden Künste in Budapest, sowie an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg, wo sie 2004 ihr Studium abschloss. Sie ist Professorin für Malerei an der Kunstakademie Münster. Im Laufe ihrer Karriere erhielt sie zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen. So nahm sie unter anderem an der Villa Massimo Residenz in Rom(2015) und der Villa Aurora Residenz in Los Angeles (2012) teil, erhielt den Lingener Kunstpreis (2014) sowie ein DAAD-Stipendium in Bukarest (2006). Ihre umfangreiche Ausstellungstätigkeit umfasst Einzelausstellungen in Institutionen und internationalrenommierten Ausstellungshäusern wie Kunsthalle Basel (2010), Kunsthalle Mainz(2009), Kunsthalle Lingen (2014) und der Foksal Gallery Foundation, Warschau(2025). Darüber hinaus nahm sie an zahlreichen institutionellen Gruppenausstellungen teil, darunter die 6. Art Encounters Biennale, Timișoara (2025), Vienna Biennale im MAK, Wien (2015), Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam (2012), Bergen Kunsthall, Bergen (2016), Kunsthalle Wien (2014), KW Institute for Contemporary Art, Berlin (2013), Museum Folkwang, Essen (2013), Sprengel Museum Hannover (2012),Bundeskunsthalle, Bonn (2014) und Martin-Gropius-Bau, Berlin (2016). Chirulescu lebt und arbeitet in Berlin.
Fred Sandback wurde 1943 in Bronxville, New York, geboren und starb 2003in New York City. Er besuchte die Williston Academy (1957-1961) und das Theodor-Heuss-Gymnasium in Heilbronn, Westdeutschland (1961-1962). Er studierte Philosophie an der Yale University (1962-1966) und erhielt 1969 einen MFA von der School of Art and Architecture in Yale. Seit den späten sechziger Jahren wurde sein Werk in zahlreichen Gruppen- und Einzelausstellungen in den USA und Europa gezeigt. Zu den bemerkenswerten Einzelausstellungen gehören die Dia Art Foundation, New York (1988), die Pinakothek der Moderne, München (2003), Whitechapel Gallery, London (2011) und Glenstone, Potomac, Maryland (2015). Im Jahr 1981 wurde das Fred Sandback Museum in Winchendon, Massachusetts, unter der Schirmherrschaf der Dia Art Foundation gegründet. Seit seiner Gründung im Jahr 2007 widmet sich das Fred Sandback Archiv der systematischen Dokumentation und wissenschaftlichen Aufarbeitung des Werks von Fred Sandback und versteht sich als maßgebliche Anlaufstelle für Forschung und Öffentlichkeit. Sandbacks Werke sind in zahlreichenöffentlichen Sammlungen vertreten, darunter im Centre Georges Pompidou, Paris; im Museum für Moderne Kunst, Frankfurt; im Museum of Modern Art, New York; in der National Gallery of Art, Washington, DC; in der Pinakothek der Moderne, München; im Solomon R. Guggenheim Museum, New York; im Whitney Museum of American Art, New York.
Bildnachweis: Marieta Chirulescu, Untitled, 2015, Inkjet print, gesso, textile on canvas, 37 x 45 x 2 cm, 14 5/8 x 17 3/4 x 3/4 in, Courtesy of the artist and Galerie Thomas Schulte, Berlin
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