Vitrinen-Bespielung 2. Obergeschoss – Frühjahr 2021

Während des coronabedingten Stillstands wurde das Zuhause zum Zufluchtsort, für manche zum Gefängnis. Familien kamen durch Homeoffice und Homeschooling an ihre Grenzen, die häusliche Gewalt nahm zu und noch nie waren gebrauchte Einfamilienhäuser an der Peripherie gefragter denn heute – trotz der hohen Preise. Die Ausstellung in fünf großen Vitrinen stellt quasi im Vorbeigehen den Besucher*innen Fragen zum idealen Heim: „home sweet home“ oder doch eher „Alles Fassade“? Historische Puppenhäuser, die traditionell eine heile Welt vermitteln, stehen dabei Werken von Vorarlberger Künstler*innen gegenüber.

Was wir uns als Kind spielerisch ausmalen, beschäftigt uns später ganz real: unsere Vorstellungen von den eigenen vier Wänden – deren Lage, Größe, Aussehen, Einrichtung. Die Puppenhäuser der Ausstellung – das älteste ist rund 150 Jahre alt und sogar mit elektrischem Licht und Türklingel sowie Delfter Kacheln ausgestattet – spiegeln nach wie vor das gängige Ideal von Haus und Garten wider. Die Werke der Vorarlberger Künstler*innen irritieren und stören diese Idylle.

Der Traum vom eigenen Heim

In ihrer Collage aus der Serie „is my world your world“ (2017) setzt die Künstlerin Katja Berger Versatzstücke aus Stadtporträts oder soziohistorischen Abhandlungen mit verzerrten Figuren aus ganz anderen Kontexten zusammen. Dadurch entstehen völlig neue Konstrukte, die gesellschaftliche Fragestellungen aufreißen: nach dem guten Leben, dem Überleben, dem Platz von Menschen in ihrer Umgebung. Häufig bedeutet die Realität verdichtete Bauweise, teure Preise und Wohnen verbunden mit Belastungen und Täuschungen. Dass der Traum vom eigenen Heim auch zum Albtraum werden kann, wird besonders in Krisensituationen deutlich. Für die meisten ist ein Zuhause etwas Selbstverständliches, darüber macht man sich keine prinzipiellen Gedanken. Das mag sich ändern, wenn wir gezwungen sind, zuhause zu bleiben – erst recht, wenn es plötzlich kein Dach über dem Kopf mehr gibt.

„Home sweet home“

In ihrer Werkserie „Home sweet home“ (2012–2014) sucht die Künstlerin Katharina Fitz nach dem kleinbürgerlichen Geist in Städten wie Dornbirn. Verblüffend scharf tritt durch die nüchterne und isolierte Aufnahme von Einfamilienhäuser deren Charakter zum Vorschein – auch der Charakter des/der Besitzer*in? Die Idylle des Eigenheimes wird in Frage gestellt. Im Gegensatz zum verspielten Puppenhaus wirken die cleanen Fotos kalt. Die Konstellation verdeutlicht den Zwiespalt zwischen Eigenheim als Zeichen von Wohlstand, Geborgenheit und sozialem Status sowie den damit verbundenen Belastungen, der Ortsgebundenheit, vielleicht auch die Diskrepanz zwischen Schein und Sein.

Alles Fassade!

Hinter einem weiteren, um 1915 entstandenen Puppenhaus hängt ein Foto von David Murray aus der Serie „Big Cities“ (2014). Zu sehen ist eine teuer wirkende Hausfassade nachts in einer beunruhigend ruhigen Vorstadt. Was wissen wir über diese Fassade? Über den Transportweg, die Produktions- und Arbeitsbedingungen? Redewendungen wie „den Schein waren“, „der Anschein trügt“, „es ist nicht alles Gold, was glänzt“ kommen einem in den Sinn. Fassaden können schützen – vor fremden Blicken oder Eindringlingen, sie können die Eigenwahrnehmung nach außen repräsentieren, neugierig auf das Innere machen, sie können aber auch täuschen und verbergen. Nicht zuletzt während der Lockdowns wurden Fragen nach der Sicherheit von Frauen und Kindern in ihren eigenen vier Wänden laut. Aber auch in anderen Belangen wurde die Fassade durchlässiger und verschaffte private Einblicke, mitunter lustige – denkt man an die Wäscheberge im Hintergrund von Zoom-Calls.

Die totale Wohnung

Während der letzten Monate wurden viele von uns zu Raumkünstler*innen und Optimierungsprofis. Multifunktionalität ist gefragt, die Küche ist gleichzeitig Schule und Büro. Entwürfe wie die „Totale Wohnung“ des Industriedesigners Hasso Gehrmann aus dem Jahr 1966 wirken aktueller denn je. In seinem Konzept verwandelt sich das Bett in eine Badewanne, die Küchenzeile ist gleichzeitig eine Wohnwand, kleiner Wohnraum wird bei grißem Komfort optimal genutzt. Aber nicht nur im Innenleben wird Optimierung angestrebt. Auch modulare Baukonzepte, wie jene von Architekt Roland Gnaiger, streben nach optimalem Nutzen. Seine Idee: Je nach Lebenssituation entstehen in der Wohnung zusätzliche Zimmer, die später einfach wieder rückgebaut werden können.

 Parallelwelten

Sollten die vier Wände dann doch nicht dem Traum entsprechen, gibt es immer noch die Möglichkeit, in Parallelwelten zu flüchten. Früher mit einer laterna magica; in der Ausstellung ist ein Modell aus dem ersten Drittel des 20. Jh. zu sehen. Mithilfe von bemalten Glasstreifen warf der Projektor Bilder beispielsweise von Märchen oder Städten an die Wand. Heute sind es Fernseher, Videospiele oder Computer, die in jeder Wohnung Räume für Ablenkung oder gar Realitätsflucht bieten.

Fotos: Petra Rainer

 

Ulrike Schüller
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