WAS IN WIRKLICHKEIT IST
4. – 14. Oktober 2025
ifa-Galerie Stuttgart
Otto Dix trifft auf zeitgenössische Positionen aus der ifa-Kunstsammlung
Yvon Chabrowski, Sven Johne, Lisa Kohl, Georg Lutz, Raphael Sbrzesny und Maya Schweizer im Dialog mit Otto Dix
Die ifa-Galerie Stuttgart bringt vom 4. bis 14. Oktober Arbeiten aus dem Werkzyklus Der Krieg von Otto Dix in Dialog mit zeitgenössischen Positionen aus der ifa-Kunstsammlung: Sechs Künstler:innen, die mit Video und Performance arbeiten, stellen für die Ausstellung Was in Wirklichkeit ist 13 ausgewählten Grafiken von Dix ihre Videoarbeiten gegenüber – ergänzt von persönlichen Statements, die die Aktualität von Dix´ Werk verdeutlichen. Die filmischen Arbeiten werden im Kontext der ifa-Kunstsammlung und in der ifa-Galerie Stuttgart erstmalig präsentiert.
Kuratiert von Bettina Korintenberg und Susanne Weiß
Ausstellung: 4. Oktober – 14. Oktober 2025
Künstler:innengespräch: 4. Oktober 2025, 17-18:30 Uhr
Sonderöffnungszeiten: täglich 12-19 Uhr
Führung durch die Ausstellung täglich um 17 Uhr
Tandem-Führung: Dix im Kunstmuseum Stuttgart und in der ifa-Galerie Stuttgart: 11. Oktober 2025, Start: 12 Uhr im Kunstmuseum Stuttgart, Ende in der ifa-Galerie Stuttgart
Mittagsmatinée: 11. Oktober 2025, 14 Uhr, ifa-Galerie Stuttgart, Gitte Zschoch, Generalsekretärin des ifa, Ellen Strittmatter, Leitung Abteilung Kunst des ifa und Philip Kurz, CEO Wüstenrot Stiftung sprechen über die Bedeutung und Zukunft der ifa-Kunstsammlung.
Kaum ein Künstler hat die Schrecken des Ersten Weltkriegs so schonungslos und erschütternd in Bilder gebannt wie Otto Dix. Bilder, die in ihrer Dringlichkeit nahe an uns heranrücken und bis in die Gegenwart reichen. Seine Werke berühren, wecken Erinnerungen und verweisen auf Bilder unseres kulturellen Gedächtnisses. Sie öffnen Fragen und bekommen in der Gewalt derzeitiger Kriege bedrückende Aktualität. Das Interesse an Dix ist ungebrochen. Seit 1993 reiste sein Werkzyklus Der Krieg in einer vom ifa – Institut für Auslandsbeziehungen organisierten und gemeinsam mit Eugen Keuerleber konzipierten Tourneeausstellung um die Welt: mit 119 Stationen in weltweit über 50 Länder, zuletzt nach Sri Lanka, Georgien und Armenien (2023).
Die Ausstellung in der ifa-Galerie Stuttgart stellt die Frage, „Wie kann man Dix heute zeigen?“ und begegnet ihr mit persönlichen Befragungen und Annäherungen. Die sechs Künstler:innen – Yvon Chabrowski, Sven Johne, Lisa Kohl, Georg Lutz, Raphael Sbrzesny und Maya Schweizer – wurden jeweils mit einer ihrer Videoarbeiten eingeladen, verbunden mit der Bitte, Werke aus der ifa-Tourneeausstellung auszuwählen und ein persönliches Statement zu verfassen. Entstanden ist eine Auswahl von 13 Werken aus dem Radierzyklus Der Krieg von 1924. Der Krieg ist zugleich Zeugnis und Mahnmal des Grauens des Ersten Weltkriegs und geht unmittelbar aus Dix’ Erfahrungen als Soldat hervor. Über 600 Zeichnungen entstanden während seiner Zeit an der Front von 1915 bis 1918, die von der schockierenden Wirklichkeit des Materialkampfs, der Schützengräben, Trümmer, Toten und apokalyptischen Kriegslandschaften Zeugnis geben. Im Zusammenkommen der performativen, dokumentarischen und poetischen Videoarbeiten sowie Stimmen der Künstler:innen erschließen sich neue Bedeutungsebenen des Dix’schen Werkes und Verbindungen zu Themen wie Trauma, kollektives Gedächtnis, Gewalt, Verdrängung, Körper, Landschaft, Ideologie und Absurdität.
Der Ausstellung den Titel gibt ein Zitat von Otto Dix: „Ich bin Augenmensch und kein Philosoph. Deshalb nehme ich in meinen Bildern immer wieder Stellung, zeige, was in Wirklichkeit ist und was um der Wahrheit willen gesagt werden muss.“
Was in Wirklichkeit ist führt die Programmreihe Out of the Box fort, in der die ifa-Galerien Berlin und Stuttgart seit 2020 dialogische Begegnung einzelner künstlerischer Positionen aus der ifa-Kunstsammlung mit internationalen zeitgenössischen Künstler:innen initiieren.
Die Ausstellung findet in Kooperation mit dem Kunstmuseum Stuttgart und der Wüstenrot Stiftung statt.
Über die künstlerischen Werke – Kuratorische Einführung
Als lebensgroße Videoskulptur begegnet einem ein trommelnder Reiter auf einem Pferd – L’Historie du Soldat ist eine sehr persönliche Auseinandersetzung des Künstlers Raphael Sbrzesny mit dem Motiv des Reiterstandbildes, inspiriert unter anderem von der Statue Wilhelm I auf dem Stuttgarter Karlsplatz. Virtuos und unsicher zugleich führt der Künstler auf dem Pferderücken Strawinskys gleichnamiges Musikstück auf und löst die Idee des Heroischen, die dem Reiterstandbild innewohnt, in unzählige Momente eines fragilen Gleichgewichts zwischen Anstrengung, Konzentration, Unbeholfenheit, Kontrolle und Kontrollverlust auf. Ähnlich wie Sbrzesny gesellschaftlich geprägte Figuren performativ befragt und umdeutet, setzt sich Yvon Chabrowski mit ins kollektive Gedächtnis eingeschriebenen Medienbildern auseinander, die sie in bewegte Szenen verdichtet und aufführt. Dramatische Funde im Schutthaufen nimmt seinen Ausgangspunkt bei einem Pressebild von 2011, es zeigt die Trümmer des Hauses der Terrorzelle NSU. Die Personen in Chabrowskis Reinszenierung untersuchen in scheinbarer Geschäftigkeit den Schutthaufen nach Spuren, ohne dass sich etwas verändert. Zum Vorschein kommt die Kontinuität von Gewalt und das beharrliche Versagen institutioneller Aufarbeitung, was sich durch die Zeit in Trümmerbildern fortschreibt. Georg Lutz untersucht in seiner Videoarbeit The Garden in vier Kapiteln das Weiterwirken gewaltvoller NS-Ideologien von den 1930er Jahren bis heute und wie sich diese in Natur und Landschaft als stille Zeugen einschreiben. Wie kann Erinnerung wachgehalten werden in Zeiten zunehmender politischer Amnesie und rechter Gewalt? Die Videoarbeit ist ein widerständiges Moment gegen das Vergessen. Nationalstaaten als Konstrukt von Exklusion und Grenze widmet sich Lisa Kohl in drei kurzen dokumentarischen Arbeiten, in denen persönliche Geschichten politische Bedeutung annehmen. Es sind intime Zeugnisse von Wünschen, Strapazen, Enttäuschung und extremer Gewalt migrantischer Realitäten. The Line zeigt den Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko, begleitet von einer Erzählung über Identität, Sehnsucht, Scham und Angst. The Game bedient sich der Gaming-Ästhetik; ein junger Afghane berichtet im Voiceover von seiner gefahrenvollen Flucht, von Pushbacks und Grenzgewalt. SURD stellt die kontradiktorischen Momente eines Schutzbedürftigen, der von Flucht, Heimat und Verlust spricht und die heldenhafte Inszenierung von Soldaten in einem Recruiting-Propaganda-Video einander gegenüber. Das Weiterwirken der Traumata von Krieg und Flucht zieht sich wie ein roter Faden durch Sven Johnes eigene Familiengeschichte. In Vom Verschwinden werden die malerischen Aufnahmen von Rügens Buchenwälder und Kreidefelsen von der Stimme seines 11-jährigen Sohnes begleitet, der die Erinnerung an die Schicksale seiner Urgroßmutter, Großmutter und seines Vaters aufruft eingebettet in die Geschichte der DDR nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1989. Die Landschaft ist Speicher dieser Geschichten und selbst vom Verschwinden bedroht durch den Klimawandel. Mit Maya Schweizers Sans Histoire taucht man in einen Strom an Bildern, die Momente der Geschichte aufrufen und fortspülen, verbinden und entkoppeln. Fragmente von Found-Footage, eigenen Aufnahmen und gesamplter Musik ergeben eine hypnotische Collage zu den Fragen und Ängsten unserer Zeit zwischen Erinnern und Vergessen, Zukunft, Vergangenheit, Technologie, Bewusstsein und Kontemplation – ein traumartiger Zustand des Dazwischen.
Programm
Oktober 2025, 12 Uhr
Tandem-Führung: Dix im Kunstmuseum Stuttgart und in der ifa-Galerie Stuttgart
Beginn: Kunstmuseum, Ende: ifa-Galerie Stuttgart
Direktorin Ulrike Groos führt im Kunstmuseum Stuttgart durch den von ihr kuratierten Raum Böse Geister in der Jubiläumausstellung Doppelkäseplatte. Dort treffen Werke von Otto Dix, Kara Walker und Yael Bartana aufeinander. Gemeinsam wird im Anschluss die ifa-Galerie besucht, wo in der Ausstellung Was in Wirklichkeit ist wiederum Arbeiten von Dix im Dialog mit sechs zeitgenössischen Künstler:innen stehen. Zum Abschluss erfolgt eine herzliche Einladung zu einem Aperitif. Begrenzte Teilnehmerzahl. Anmeldung erforderlich unter: fuehrung@kunstmuseum-stuttgart.de.
Mittagsmatinée, 14 Uhr
Im Anschluss an die Tandem-Führung findet um 14 Uhr in der ifa-Galerie Stuttgart eine Mittagsmatinée statt. Es sprechen Gitte Zschoch, Generalsekretärin des ifa, Ellen Strittmatter, Leitung Abteilung Kunst des ifa und Philip Kurz, Wüstenrot Stiftung zur Bedeutung und Zukunft der ifa-Kunstsammlung. Es gibt Getränke, Snacks und Zeit für einen anschließenden Austausch.
Über das ifa & die ifa-Galerien
Das ifa – Institut für Auslandsbeziehungen setzt sich gemeinsam mit Partner:innen weltweit ein für die Freiheit in Kunst, Forschung und Zivilgesellschaft. Es gibt Aktivist:innen, Künstler:innen und Wissenschaftler:innen eine Stimme und fördert Kooperationen. Basierend auf seinen Kernkompetenzen Kunst, Forschung und Zivilgesellschaft baut das ifa Netzwerke auf, um nachhaltige Wirkung zu erzielen. Das ifa wird gefördert vom Auswärtigen Amt, dem Land Baden-Württemberg und der Landeshauptstadt Stuttgart.
Die Galerien des ifa – Institut für Auslandsbeziehungen in Stuttgart und Berlin zeigen zeitgenössische Kunst aus einer globalen Perspektive. Im Zentrum steht dabei die Entwicklung von langfristigen Beziehungen mit Künstler:innen, Partner:innen und Besucher:innen. Die Ausstellungen und Vermittlungsprogramme entstehen in einer gemeinschaftlichen Arbeitsweise, in der globale Verflechtungen aufgespürt und in einer anderen Erzählweise neu zusammengesetzt werden.
www.ifa.de
Die ifa-Kunstsammlung
Die Kunstsammlung des ifa umfasst rund 24.000 Werke, die für die weltweite Ausstellungstätigkeit der Bundesrepublik Deutschland seit den 1970er Jahren erworben wurden. Sie beinhaltet verschiedene Disziplinen der modernen und zeitgenössischen Bildenden Kunst sowie Ausstellungen zu Architektur, Fotografie und Design. Gesellschaftspolitisch relevante Projekte und künstlerische Tendenzen des 20. und 21. Jahrhunderts spiegeln sich darin wider. Rund 10.000 Werke stammen aus der Sammlung des Zentrums für Kunstausstellungen (ZfK) der DDR, die das ifa 1991 in Teilen übernahm. Seit 2023 wird die Kunstsammlung des ifa in Kooperation mit der Wüstenrot Stiftung beforscht. Die Aufarbeitung macht institutionelle Strukturen der auswärtigen Kulturpolitik der DDR sichtbar und zeigt bedeutende Zeugnisse der Kunst aus der DDR. Arbeiten dieser einzigartigen Kunstsammlung werden weltweit in Tourneeausstellungen präsentiert und sind auf der digitalen Sammlungsplattform ifa Agora sichtbar. www.agora.ifa.de
Bildnachweis: An egg, the white is gone but the yellow remains, Video Installation, Mohamed Thara. © ADAGP, Paris 2024
ifa-Galerie Stuttgart
Bettina Korintenberg
Galerieleitung und Bereichsleitung ifa-Galerien
Charlottenplatz 17, 70173 Stuttgart
ifa-galerie-stuttgart@ifa.de
Instagram: @ifa.visualarts, Facebook: @art.ifa
Öffnungszeiten: täglich 12-19 Uhr
Eintritt frei