10. April – 6. Juni 2026
Rehbein Galerie

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Möglichkeit bezeichnet einen Zustand des Noch-Nicht. Sie ist keine feste Größe, sondern eine dynamische Konstellation aus Bewegung; ein Gefüge von Potenzialen, Kräften und Beziehungen. Im Moment ihres Erscheinens verdichtet sie sich zur Entscheidung für eine bestimmte Form aus einer Vielzahl denkbarer Varianten.
Vor diesem Hintergrund lassen sich die Arbeiten von Kirstin Arndt lesen. Ihre künstlerische Praxis richtet sich auf die Untersuchung von Material, Struktur sowie der architektonischen und räumlichen Situation, wobei die Idee einer Form den Ausgangspunkt bildet. Durch Proben und Versuche geht sie mit diesen Bedingungen um.
Sie erscheinen dabei nicht als feststehende Gegebenheiten, sondern als Instanzen, Faktoren, durch die sich eine Form bilden kann.

„Wie wenig Linie braucht es, damit Fläche entsteht?“, ist eine Frage zu sein, die vielen ihrer Studien und Arbeiten zugrunde liegt. Zudem berührt diese Frage den Übergang zwischen den Disziplinen, in denen Arndt ausgebildet wurde. Elemente der Malerei – Linie, Fläche und Farbe – werden aus der Ebene gelöst und in räumliche Situationen überführt. Linien erscheinen als Fäden, Drähte oder Holzstäbe; Flächen als gespannte, gefaltete oder geschnittene Materialien. Aus einfachen Strukturen entstehen so Konstellationen, in denen sich Linien überlagern, verschränken und schließlich räumliche Präsenz gewinnen, sodass aus wenigen Linien bereits Flächen und räumliche Situationen entstehen. Arndts Arbeiten bewegen sich in einer Untersuchung des Übergangs zwischen dem Zweidimensionalen und Dreidimensionalen.

Eine zentrale Rolle spielt dabei das Potential der Materialien und ihrer Eigenschaften, denen Arndt sich in einem fortwährenden Prozess des Forschens und Probierens nähert. Arbeiten aus Aluminiumplatten können als Resultat dieser Studien gefaltet wirken wie Papier; Holzstäbe werden miteinander verflochten oder verkeilt, wie großformatige Mikadostäbe, die an der Wand installiert und befestigt werden; textile Materialien werden gespannt, verbunden und zu etwas Festem. Metalle, flexible Kunststoffe und organische Materialien wie Holz, Pappe oder Baumwolle bilden dabei unterschiedliche Materialgruppen, die Arndt je nach konzeptueller Fragestellung einsetzt oder miteinander kombiniert. Harte Materialien können eine überraschende Beweglichkeit entwickeln, während flexible Stoffe unter Spannung eine eigene Stabilität gewinnen. Das Material folgt dabei der zuvor gedachten Form. In der praktischen Erprobung untersucht Arndt, welche Materialien deren Umsetzung erlauben und welche Widerstände sie dabei entfalten.

Auch die Farbigkeit der Arbeiten folgt dieser Logik von Spannung und Kontrast. Kräftige, energiegeladene Neonfarben stehen gedämpften Naturtönen gegenüber. Wie bei den Materialien entstehen daraus Gegensätze, die sich nicht auflösen, sondern bewusst nebeneinander bestehen bleiben. Farbkontraste setzen Akzente und verstärken Spannungen, die sich bereits in Material, Form und Anordnung zeigen.
Viele Arbeiten von Kirstin Arndt sind modular aufgebaut und gehen häufig von geometrischen Grund-formen aus, deren Teile sowohl für sich stehen als auch in Beziehung zueinander treten. Durch ihre variable Anordnung entwickeln sich neue Formzusammenhänge, wandelbare Konstellationen, Richtungen und Vektoren im Raum. Je nach Situation erscheinen die Arbeiten horizontal oder vertikal ausgerichtet, an der Wand, auf dem Boden oder frei im Raum hängend. Jede Möglichkeit wird nach Situation, Raum und Ausstellung neu gedacht und entschieden.

In einer ihrer Werkgruppen erscheinen aus pulverbeschichteten Aluminiumplatten heraus-geschnittene rundliche Formen gemeinsam mit den entsprechenden Aussparungen. Es handelt sich dabei nicht um ein Verhältnis von Positiv und Negativ, sondern um zwei Teile desselben Ursprungs. Beide gehen aus einer gemeinsamen Form hervor und bleiben als Teile eines Ganzen miteinander verbunden, auch wenn sie sich räumlich voneinander entfernen.

Dieses Verhältnis erinnert an das physikalische Prinzip der Verschränkung. Einzelne Elemente können voneinander getrennt sein und dennoch miteinander verbunden bleiben, weil sie aus derselben Quelle hervorgegangen sind. Ähnlich wie in der Quantenverschränkung bleibt diese Verbindung auch dann bestehen, wenn sie an unterschiedlichen Orten erscheinen und sich in räumlicher Distanz zueinander befinden. Die Bedeutung der Arbeiten entsteht so nicht allein aus dem einzelnen Element, sondern aus den Verbindungen, die in ihrem gemeinsamen Ursprung angelegt sind und sich zwischen ihnen halten, sich unabhängig von Zeit und Raum weiter entfalten.

Kirstin Arndts Arbeitsprozess vollzieht sich in diesen Verschränkungen, den Eigenheiten des Materials und des künstlerischen Eingriffs sowie der Zurücknahme. Beschichtungen und Farben sind zusätzliche Entscheidungen, die in die Wechselwirkung und Ambivalenz eingreifen und Potenzial und Möglichkeit zu etwas Konkretem machen.

Die Künstlerin setzt Kräfte frei, probiert, ordnet Materialien, spannt, verbindet oder verschiebt sie und untersucht dabei deren Verhalten unter bestimmten Bedingungen. In diesem Wechsel von Aktivität und Beobachtung stellt sich ein Moment ein, in dem Idee, Materialität und Situation in ein vorläufiges Gleichgewicht treten. Formen treten in Beziehung, verhalten sich zueinander und bilden Konstellationen.
Erst im Zusammenspiel ihrer Elemente entfaltet sich das Werk. So entstehen Gefüge von Verschiebungen und Verschränkungen.
Elisa Mosch, 2026

Bildnachweis: Ohne Titel, 2018 Aluminium pulverbeschichtet (schwefelgelb), ca. 390 x 260 x 50 cm, 5 Module: je 141 x 71,5 x 0,2 cm


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