ANDREA PICHL „DEUTSCH DEUTSCH“
25. April – 6. September 2026
Kunsthalle Vogelmann
Die Berliner Künstlerin Andrea Pichl erhält den Ernst Franz Vogelmann-Preis für Skulptur 2026 Damit geht die renommierte Auszeichnung, die mit 30.000 Euro dotiert ist, erstmals an eine Künstlerin, die in der DDR geboren und in Ost-Berlin aufgewachsen ist.
Andrea Pichl ist keine Bildhauerin im traditionellen Sinn: Sie recherchiert, sie dokumentiert, sie rekonstruiert, restauriert und kombiniert in ihren begehbaren Installationen Formelemente, Objekte, (Alltags)Gegenstände und Zeichnungen und damit sich überlagernde Geschichts- und Bedeutungsebenen. Die Künstlerin arbeitet an der Schnittstelle von Architektur, Stadtplanung und Geschichte. Ihre biografische Prägung bildet dabei eine wesentliche Folie ihres künstlerischen Ansatzes. Wie die Jury hervorhebt, setzt sie sich mit dem „Bedeutungswandel des öffentlichen und privaten Lebens vor und nach der deutschen Wiedervereinigung“ auseinander und untersucht dabei die eingeschriebenen gesellschaftlichen und politischen Umbrüche: Ausgehend von ihrer eigenen Biografie und ostdeutschen Sozialisation zieht sie zeithistorische Kreise, thematisiert den in der (westdeutschen) Öffentlichkeit kaum bekannten Waren- und Wirtschaftsaustausch zwischen beiden deutschen Staaten und zeigt die Nachwirkungen des nationalsozialistischen Erbes.
In früheren, skulpturalen Arbeiten verwendet sie raum-definierende und begrenzende Gegenstände wie Gitter, Zäune etc. und greift auf standardisierte Gartenlauben und Bungalows, also auf eher improvisierte Designelemente aus der DDR-Zeit, zurück. Diese Elemente stehen für eine verloren gegangene DDR-Industrie und sozialistische Moderne. Andrea Pichl recherchiert akribisch nach Relikten und in Bereichen, in denen sich die Verstricklungen und Ungereimtheiten der DDR-Eliten exemplarisch manifestieren. Das können neben staatlichen Gebäuden ganze Wirtschaftszweige wie etwa die Transfergeschäfte von BRD und DDR bei der Müllentsorgung oder in der Textilindustrie sein.
Diese Komplexe erfasst die Künstlerin in Details, in Grundrissen und in Fotografien, die sie in kleinformatige Bleistiftzeichnungen transformiert. Deren Verwendung und Kombination ist wohlkalkuliert und auf den ersten Blick unverdächtig. Umso frappierender ist die Irritationder Rezipienten, wenn beim Betrachten und Vergegenwärtigen der Zusammenhänge Hinter grundgeschehnisse wie Zwangsarbeit etc. offenbar werden.
Im Zentrum der aktuellen Ausstellung in der Kunsthalle Vogelmann stehen sechs begehbare, formal und in der Funktion eng verwandte Architekturen – darunter eine DDR-Gartenlaube, ein NS-Behelfsheim sowie ein Gartenhaus aus dem Baumarkt. In Kombination mit Fotografien, Projektionen und Zeichnungen entfaltet sich ein vielschichtiges Panorama deutsch deutscher Geschichte. Die architektonischen Setzungen dienen dabei als räumliche Denkmodelle, in denen die wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Verflechtungen zwischen Ost und West sichtbar werden.
Besonderes Augenmerk gilt hier den oftmals verdeckten oder verdrängten Austauschprozessen zwischen beiden Systemen. Der wechselseitige Transfer von Kapital, Waren und Dienstleistungen erscheint dabei ebenso wie seine gesellschaftlichen Folgen und verweist damit auf Aspekte der gemeinsamen Geschichte, die lange Zeit im Verborgenen blieben oder bewusst ausgeblendet wurden.
Für ihre erste Einzelausstellung in Westdeutschland hat Andrea Pichl dieses installative Konzept eigens entwickelt und schließt damit an ihre erfolgreiche Schau „Wertewirtschaft“ im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart in Berlin 2024/25 an. Ihr Werk liefert einen zentralen künstlerischen Beitrag zur Diskussion um Erinnerung, Verantwortung und gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland gestern und heute.
Bildnachweis: Andrea Pichl, Gartenlaube GL 19, 2024 © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Marcus Bahra, Berlin
KUNSTHALLE VOGELMANN
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