01. April – 19. Mai
Kleinschmidt Fine Photographs 


Der gelernten Fotografin Leni Werres [1897-1979] nähert man sich sehr einfach durch die Betrachtung ihrer regelmäßig im Kleinformat erstellten Bromölabzüge. Diese sind Kleinode ersten Ranges einer längst vergangen und vergessen geglaubten Welt, die sich der Bonner Tochter eines begüterten Mineralwasserfabrikanten beim Wandern erschloss. Leni Werres begab sich in den Jahren 1924 und 1925 auf Wanderschaft durch Deutschland. Ihre Stationen gaben oftmals jene Städte vor, die über einen bedeutenden Mineralbrunnen verfügten. Bad Homburg vor der Höhe war ebenso dabei wie einige Städte der Bodensee-Region. Hier fand sie oft ihre Idyllen und Veduten. Ihr ging es um den geistigen Gehalt einer Landschaft. Jene Idyllen und Veduten fordern von uns nicht den flüchtigen Blick, sondern ein stilles Verweilen, so etwa das Blatt „Weg zum Blauen“ – datiert auf das Jahr 1924/25.

Flankiert von schlanken, geraden Fichtenstämmen führt ein Weg durch den Wald. Der Weg steigt leicht an und läuft auf einen hinter Bäumen versteckten Felsbrocken zu. Unterholz deutet sich an. Die weit in den Bildraum nach hinten gestaffelten Bäume verleihen dem Werk eine Ahnung von der Tiefe des Waldes. Die harmonische Komposition lässt den Betrachter die Stille und den Frieden des Augenblicks spüren. Die Dunkelheit der Stämme im Vordergrund erhellen Lichtpunkte der Sonne, die den Hintergrund nahezu völlig in gleißendes Licht tauchen. Da wirbt nicht allein pure Schönheit der Natur, zudem romantische Ausgestaltung des Bildes, was beides an die qualitätsvollen Landschafts-Fotografien von Heinrich Kühn (1866-1944) denken lässt. Da lockt auch das Haptische. Betrachtet man die Aufnahme etwas länger, so wirkt sie wie Samt, dessen feine Härchen zum Anfühlen reizen. Die Struktur ist reliefartig, mit winzigen Erhebungen und Furchen. Ein solcher Bromölabzug will durch Mitempfinden aller Sinne erfasst sein.

Der Kenner sieht sogleich, dass es sich hier nicht um einen gewöhnlichen Bromsilberabzug handelt, sondern um einen kunstvoll ausgearbeiteten Edeldruck. Und wieder ist man in Gedanken sogleich bei Heinrich Kühn, der unter den Fotografen des Fin de Siècle als genialer Vertreter für die künstlerischen Druckverfahren gilt. Doch handelt es sich bei der vorliegenden Fotografie nicht um ein Werk von Heinrich Kühn, sondern um das einer Frau, die in der Perfektion der Ausführung und Gestaltung ihrer Bilder ebenbürtig Meisterschaft erlangt hat. Der „Weg zum Blauen“ – gebannt Ende der 1920er Jahre im Schwarzwald – stammt von Leni Werres. Mit dem Werk teilt sich auch der von Walter Benjamin besagte Verlust der Aura mit. Denn mit dem jähen Ende der Edeldruckverfahren in der Fotografie des Piktoralismus zur Jugendstilzeit endet auch deren Versprechen einer kunstvollen Einmaligkeit.

Als Leni Werres dieses Bild schuf, musste sie sich an der Ästhetik der Neuen Sachlichkeit messen lassen. Sie galt den Vertretern dieser Richtung als ‚Anachronistin‘ – da zu romantisch. Allein der Prozess der Herstellung war an Mühsal kaum zu überbieten. Die gekonnte Ausarbeitung eines einzigen Bromölabzugs dauerte nicht selten Tage. Eine ‚Unzeitgemäße‘ war diese überragende Spätpiktoralistin in der Tat. Doch wer sagt denn, dass diese Anachronistin zwischen Romantik und Moderne nicht in Wirklichkeit die erste Visionärin der späteren Postmoderne war? Und was für eine. Das Werk lohnt allemal der Entdeckung. So wichtig die Grundsatzdebatte zwischen den Idealen des Piktoralismus und der Neuen Sachlichkeit damals auch war. Erst heute – mit dem nötigen zeitlichen Abstand – können wir beide Stilepochen als gleichwertig bestehen lassen. Zumal die malerische Fotografie gerade eine Renaissance erfährt. Just im Zeitalter nach der Globalisierung löst der Staunen aus, wer sich etwa als Anhänger der Romantik zu erkennen gibt. Ein Heinrich Kühn etwa, der schon zu Lebzeiten Berühmtheit erlangt hatte, erfährt in den letzten Jahrzenten erneut Aufwertung seines Schaffens. Die Ubiquität der Klimakrisen und die Plötzlichkeit der Zeitenwende birgt so neue Sicht.

Das Werk der damals jungen Leni Werres war indes gänzlich vom Vergessen bedroht. Zufälle nur hatten den Nachlass vor dem Verschwinden und der Zerstörung bewahrt. Alsbald geriet der Nachlass der Werres in die Obhut der Galerie. Ihre Fotografien gilt es nun zu entdecken. Auch eine Neubewertung des Piktoralismus vor dem Hintergrund der kongenial gescheiterten Moderne steht aus. Leni Werres schuf ihr Werk mit der Absicht des perfekten Bildaufbaus. Ihre Komposition geriet stets meisterlich und stand stilistisch lange im Bann des Jugendstils und ihres Vorbilds Heinrich Kühn. Als Meisterin ihrer Zunft verfügte Leni Werres über den absoluten Blick beim Quadrieren der Komposition im Sucher der Kamera. Das sieht man in jedem ihrer Werke. Auch liebte sie das Spiel mit dem pittoresk groben Korn bei Bromöldruck und Gummidruck. Leni Werres entpuppt sich damit als die letzte große Pointillistin der Fotografie ihrer Epoche – eine späte Wandererin zwischen Romantik und Moderne, die im Jugendstil stille Blicke des Abschieds auf jene Paradiese auf Erden warf, die heute längst überall von Artensterben, Klimakollaps und Ökozid bedroht sind.

Textauszug aus dem Essay „So weit nach Arkadien.. Leni Werres – Fotografin zwischen Romantik und Moderne (1897-1979)“ Klaus Kleinschmidt

Bildnachweis: Leni Werres , Fensterblick zum Klostergarten , 1924-1925, Bromöldruck 23,2×16,0cm


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