16. Juli – 24. Oktober 2026
Sammlung Goetz /Schaufenster


Der in Los Angeles lebende US-amerikanische Künstler Sterling Ruby ist für sein gattungsübergreifendes Werk bekannt, das von Skulpturen, Keramiken und Bronzen über Collagen und Textilarbeiten bis hin zu riesigen Gemälden mit Sprühfarbe reicht. In seinen Werken verwebt er eine Vielzahl unterschiedlicher autobiografischer, kunsthistorischer und soziologischer Quellen. Durch Dekonstruktion und Neukonstruktion arbeitet er an der Idee eines nicht-hierarchischen und grenzlosen Universums. Die Ausstellung im Sammlung Goetz /Schaufenster gibt mit einer Auswahl seiner Werke aus der Zeit von 2008-2016, einen Einblick in sein vielschichtiges künstlerisches Schaffen.

Ruby wurde 1972 auf dem amerikanischen Luftwaffenstützpunkt Bitburg in Deutschland als Kind eines Amerikaners und einer Holländerin geboren. Schon als Kind entwickelte er eine Begeisterung für das Zeichnen und lernte von seiner Mutter nähen. 1995 besuchte er eine Bruce-Nauman-Retrospektive im Museum of Modern Art in New York, die ihn so begeisterte, dass er beschloss Künstler zu werden. 2002 schloss er sein Studium am Art Institute of Chicago mit einem Bachelor ab und ging 2003 nach Los Angeles, um sich für ein MFA-Programm am Art Center College of Design in Pasadena einzuschreiben. Von 2003-2005 arbeitete er dort auch als künstlerisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter von Mike Kelley.
Seinen künstlerischen Durchbruch erlebte Sterling Ruby Mitte der 2000er Jahre. Bis dahin hatte er bereits ein sehr breites vielschichtiges Werk entwickelt, in das sowohl seine Erfahrungen als Jugendlicher bei den Amish People im ländlich geprägten Pennsylvania als auch das Leben in der Metropole Los Angeles hineinspielten. Ruby steht in der Tradition der amerikanischen Kunst der Moderne und Gegenwart. Vorbilder sind unter anderem Robert Motherwell, Mark Rothko, Willem de Kooning und Barnett Newman. In seine Arbeiten lässt er aber auch Street Art, Mode, Medien, Lifestyle und aktuelle Diskurse einfließen, was sie ungeheuer zeitgenössisch und überraschend macht.

Im Zentrum der Ausstellung im Sammlung Goetz /Schaufenster stehen die großformatigen Spray-Paintings, die zu seinen bekanntesten Werkgruppen gehören. Sie verbinden gestische Abstraktion, Graffiti und atmosphärische Farbfelder mit industrieller Ästhetik und sind zugleich eine bewusste Auseinandersetzung mit der Geschichte der amerikanischen Nachkriegsmalerei. Die ersten Spray-Paintings von Sterling Ruby entstanden um 2007 und tragen keine Titel, sondern werden kontinuierlich durchnummeriert. Die in der Ausstellung präsentierten Werke SP 40 sowie SP 278 (1) und (2) zeigen exemplarisch die Bandbreite innerhalb dieser Serie. Während SP 40 durch eine dichte, beinah wolkenartige Überlagerung von Farbschichten geprägt ist, in der sich dunklere Zonen mit aufleuchtenden Partien verschränken, erinnern die beiden Leinwände von SP 278 (1) und (2) an Landschaftsdarstellungen oder atmosphärische Abstraktionen von Mark Rothko. Die angedeutete Horizontlinie fungiert dabei als visuelles Bindeglied, das sowohl kunsthistorische Bezüge andeutet als auch einen offenen Assoziationsraum schafft, in dem sich Naturvorstellungen, Erinnerung und Wahrnehmung überlagern.
Die Spray-Paintings stehen im Dialog mit zwei frühen Bronze-Skulpturen von Sterling Ruby aus einer anderen wichtigen Werkgruppe des Künstlers. Charakteristisch für seine Arbeiten in Bronze ist der bewusste Bruch mit der historischen Vorstellung des Materials als Träger von Dauer, Monumentalität und formaler Geschlossenheit. Stattdessen erscheinen viele seiner Bronzen roh, fragmentiert oder prozesshaft und tragen Spuren von Deformation, Abnutzung oder gestischer Bearbeitung. Diese künstlerische Strategie steht im Zusammenhang mit Rubys grundsätzlichem Interesse an Themen wie Gewalt, sozialem Druck und psychischen Zuständen, die sich in einer bewusst „beschädigt“ wirkenden Oberfläche artikulieren.

In den 2000er Jahren entstehen weiche, textile, großformatige Arbeiten aus Stoff, die genäht, gefüllt und oft aus vielen einzelnen Teilen zusammengesetzt sind. Diese sogenannten Soft Sculptures bilden eine eigenständige Werkgruppe in seinem OEuvre. Dabei greift Ruby bewusst Techniken wie Nähen oder Quilten auf, die eher mit Handarbeit oder Alltagskultur verbunden werden, und überträgt sie in einen künstlerischen Kontext. Typisch für die Soft Sculptures ist außerdem der Kontrast zwischen Material und Wirkung. Der weiche Stoff steht einer oft intensiven, manchmal sogar aggressiven oder unruhigen Bildidee gegenüber. Das trifft auch auf die Arbeit Vampir 81 (2012) zu, die ein weitaufgerissenes Vampirmaul mit spitzen Zähnen darstellt, an denen dicke Bluttropfen hängen. Sie gehört zu Rubys ikonischer Vampire-Serie, die er 2010/11 begann.
Ausgangspunkt war die bewusste Hinwendung zu einem einfachen, kraftvollen Bildmotiv: dem geöffneten Mund mit Zähnen. Dieses Motiv greift auf bekannte Bilder aus Popkultur und Alltagsästhetik zurück, etwa das legendäre Zungen- und Lippen-Logo der Rolling Stones, das Ruby ins Bedrohliche und Aggressive steigert. Inhaltlich ist die Serie eng mit zentralen Themen seines Werks verbunden. Der Vampir steht bei Ruby weniger für eine Figur als für einen Zustand. Er verkörpert ein Gefühl von ständigem Hunger, Verlangen und dem Wunsch nach grenzenlosem Konsum. Indem er nur den Mund isoliert, ohne Gesicht oder Körper zeigt, macht er dieses Begehren sichtbar. Der Mund wird zu einem Bild für eine unstillbare Gier.
Vampire 81 steht im Dialog mit der Keramik DESIPRAMINE (THE CARDIAC) (2011) aus der Basin-Theology-Serie, in der keramische Beckenformen Fragmente früherer, zerstörter oder verworfener Arbeiten aufnehmen. Die Skulptur wird so zu einem Speicher vergangener Prozesse. Gemeinsam zeigen beide Werke, wie Ruby Materialien und Ideen sammelt, verändert und sie in neue Formen überführt.

Bildnachweis: Sterling Ruby, SP278 (1), SP278 (2), 2014, © the artist, Courtesy Sammlung Goetz, München, Foto: Robert Wedemeyer


Sammlung Goetz /Schaufenster
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