WAS BEDEUTET ES FÜR EINEN ORT, GELIEBT ZU WERDEN?
11. September 2025 – 11. Januar 2026
ifa-Galerie Berlin
Mit Werken von Anita Muçolli, Sevil Tunaboylu und Ian Waelder
Kuratiert von Hana Halilaj
Eröffnung: Mittwoch, 10. September 2025, 18 – 22 Uhr im Rahmen der Berlin Art Week 2025Artist Talk und Führung mit Künstler:innen und Kuratorin: Donnerstag, 11. September 2025, 18 Uhr
Zur Berlin Art Week 2025 eröffnet die ifa-Galerie Berlin die Ausstellung Was bedeutet es für einen Ort, geliebt zu werden? – Anita Muçolli, Sevil Tunaboylu und Ian Waelder reflektieren darin die Bedeutung von Heimat. Ausgehend von ihren persönlichen Erzählungen thematisieren sie die Erfahrungen von Migrant:innen der zweiten und dritten Generation.
Was bedeutet es, in einer Zeit zerbrochener Regionen und umkämpfter Geschichten, ein Heimatland zu lieben? Ist Heimat ein Ort der Sehnsucht oder eine Last der Geschichte? Anita Muçolli, Sevil Tunaboylu und Ian Waelder erkunden in der Ausstellung die Widersprüche der Zugehörigkeit zu einem Ort, in dem Liebe mit Entfremdung verwoben ist und Verbundenheit mit Kritik zusammenstößt. Sie setzen sich mit Exil, Widerstand und fließenden Identitäten auseinander und hinterfragen die Bedeutung von Heimat – nicht als festen Ort, sondern als ein sich wandelndes Terrain von Politik und Emotionen.
In ihren Werke reflektieren sie die Auswirkungen der Migration auf die persönliche und kollektive Identität, die Spannungen zwischen dem kulturellen Erbe und der Anpassung sowie die emotionalen Spuren der Vertreibung. Ausgehend von zufälligen Begegnungen entwickeln die Künstler:innen Erzählungen, die spezifisch für die Erfahrungen von Migrant:innen der zweiten und dritten Generation sind und die sowohl das Trauma als auch die Nostalgie für die Heimat ihrer Familien geerbt haben. Der Titel der Ausstellung geht auf Oxana Timofeevas Text How to Love a Homeland [dt. Heimat. Eine Gebrauchsanweisung] zurück und ist sowohl als Frage wie auch als Begleiter zu verstehen. Die Arbeiten der Ausstellung erzählen davon, dass Heimat weder vererbt noch bewusst gewählt wird, sondern aus Fragmenten von Erinnerung, Gesten, ungelösten Gefühlen und unbeantworteten Fragen rund um Übergangszustände konstruiert wird. Die Künstler:innen zeigen, dass Verbundenheit nicht trotz, sondern gerade wegen der Entwurzelung entsteht. Heimat wird hier als ein Prozess sichtbar, der in ständiger Bewegung ist.
Künstler:innen und Werke
Sevil Tunaboylu (* 1982, Istanbul, lebt und arbeitet in Istanbul) beschäftigt sich mit der Migration ihrer Familie von Skopje in die Türkei, mit der Arbeit ihres Großvaters als Tischler und mit der bis heute andauernden Zusammenarbeit mit ihrem Vater. Ihre Arbeit stützt sich auf Archivmaterial und mündliche Überlieferungen, die sie auf einer Forschungsreise nach Skopje gesammelt hat. Das Projekt reicht zeitlich bis in die 1950er Jahre zurück und verbindet Fragmente von vererbten Erinnerungen, unausgesprochenen Geschichten und Bildern von Türen aus ihrer Kindheit. In ihrer Arbeit verschwimmt die Grenze zwischen Objekt und Bild. Tunaboylu versucht nicht, ihr Zuhause wirklichkeitsgetreu nachzubilden, sondern reflektiert, wie es zugleich erinnert und zerlegt wird. Sie untersucht, wie sich Erinnerungen an Dinge heften.
Das Thema Zwischenräume beleuchtet auch die neu in Auftrag gegebene Installation Permis de ___________, 2025 von Anita Muçolli (* 1993, Basel, lebt und arbeitet in Basel). Der Raum ist mit grünen, gepolsterten Samtpaneelen ausgekleidet, auf denen abstrakte Fragmente verschiedener Dokumente gedruckt sind; eines ist ein Brief an die Schweizer Migrationsbehörde, die für Asyl- und Aufenthaltsfragen zuständig ist und vor ihrer Geburt über den Aufenthalt der schwangeren Mutter entscheidet. Muçolli stellt die Frage: Was bedeutete es für ihre Eltern, nicht als Gäste, sondern als Menschen ohne Papiere in einem Land zu leben?
In der Installation sind die Besucher:innen eingeladen, sich an die mit Samt ausgekleideten Wände zu lehnen und der Klanginstallation von Julia Sharifullina zuzuhören. Darin greift Muçolli auf Videoaufnahmen zurück, die ihr Vater in den frühen Jahren der Migration in der Schweiz machte und die an Verwandte im Kosovo geschickt werden sollten: Geburtstage, Neujahrsfeiern, Stadtansichten. Diese Umgebungsgeräusche verbinden sich mit vertrauten filmischen Klanglandschaften, um eine nostalgische Atmosphäre zu schaffen. Die Arbeit fragt, welche Geräusche Teil kollektiver Erinnerung werden und wer darüber entscheidet, was im Gedächtnis bleibt.
Ian Waelder (* 1993, Madrid, lebt und arbeitet zwischen Mallorca, Frankfurt am Main and Basel) setzt sich mit familiärer Migration und den physischen Überresten der Geschichte auseinander. In seiner Klanginstallation FRIEDRICH (2021) arbeitet Waelder posthum mit seinem Großvater zusammen, einem deutsch-jüdischen Pianisten, der während der NS-Diktatur ins Exil nach Chile floh. Eine Schallplatte, die zu hören ist, bringt darin sowohl Verlust als auch Kontinuität zu Gehör: Klang wird zu einem lebendigen Archiv, Improvisation eine Form des Überlebens. Waelders Forschung beginnt oft mit Objekten. Der Opel Olympia, der früher seinem Großvater gehörte und verkauft wurde, um das Exil finanzieren zu können, wird in seinem Werk zum Vehikel für die Spurensuche nach intergenerationellem Trauma und Vertreibung. Diese Geschichte wird in der Ausstellung skulptural: zu sehen sind drei Gipsreproduktionen des Olympia, die in Zusammenarbeit mit seinem Vater, dem Bildhauer Juan Waelder, entstanden sind. Die Zerbrechlichkeit des Autos verweist dabei auf die Schwierigkeit, Verlorenes zu rekonstruieren. Im Kontrast dazu steht die Schwarz-Weiß-Fotografie einer Monstera-Pflanze, die den Eltern des Künstlers am Tag seiner Geburt geschenkt wurde, und die noch immer gedeiht und zu einem lebendigen Archiv wird – einer botanischen Erinnerung inmitten von Geschichte aus Metall.
Kuratorin
Hana Halilaj ist Kuratorin an der Nationalgalerie des Kosovo. Sie war Kommissarin des Pavillons der Republik Kosovo, der auf der 60. Ausgabe der Biennale von Venedig mit einer besonderen Erwähnung für den nationalen Beitrag ausgezeichnet wurde. Sie absolvierte ihren M.A. am Center for Curatorial Studies des Bard College.
Über das ifa & die ifa-Galerien
Das ifa – Institut für Auslandsbeziehungen setzt sich gemeinsam mit Partner:innen weltweit ein für die Freiheit in Kunst, Forschung und Zivilgesellschaft. Es gibt Aktivist:innen, Künstler:innen und Wissenschaftler:innen eine Stimme und fördert Kooperationen. Basierend auf seinen Kernkompetenzen Kunst, Forschung und Zivilgesellschaft baut das ifa Netzwerke auf, um nachhaltige Wirkung zu erzielen. Das ifa wird gefördert vom Auswärtigen Amt, dem Land Baden-Württemberg und der Landeshauptstadt Stuttgart.
Die Galerien des ifa – Institut für Auslandsbeziehungen in Stuttgart und Berlin zeigen zeitgenössische Kunst aus einer globalen Perspektive. Postkoloniale Bewegungen werden ebenso in den Blick genommen, wie künstlerische Reflexionen zu den Themen Migration, Umwelt und kulturelle Transfers. Die Welt aus einer Vielfalt und Pluralität von Perspektiven zu betrachten und neu zu erzählen, ist dabei zu einer Arbeitsweise geworden, mit der die ifa-Galerien emanzipatorische Prozesse, Interaktionen und künstlerische Räume gestalten. Im Zentrum steht dabei die Entwicklung von langfristigen Beziehungen mit Künstler:innen, Partner:innen und Besucher:innen. Die Ausstellungen und Vermittlungsprogramme entstehen in einer gemeinschaftlichen Arbeitsweise, in der globale Verflechtungen aufgespürt und in einer anderen Erzählweise neu zusammengesetzt werden.
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Bildnachweis: Anita Muçolli, I Wandered from Dusk to Dusk and back and forth, Millions of Years ago, 2019. © Anita Muçolli
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