CÉLINE DUCROT + CATHRIN HOFFMANN „HARDEST KINDS OF SOFT“
12. April bis 20. Juli 2025
Kunsthalle Gießen
Kuratiert von Nadia Ismail
Eröffnung: Freitag, 11.04.2025, 19 Uhr, KUNSTHALLE GIESSEN
Pressetermin: Mittwoch, 09.04.2025, 11 Uhr
Die Künstlerinnen sind anwesend.
Im Frühling 2025 präsentiert die KUNSTHALLE GIESSEN die Künstlerinnen Céline Ducrot und Cathrin Hoffmann. In Hardest Kinds of Soft treten ihre Arbeiten in den Dialog, um Menschsein und Körperlichkeit im (post)digitalen Zeitalter zu reflektieren. In der Gegenüberstellung loten ihre Gemälde und Skulpturen neue Perspektiven auf die Spannungen einer zunehmend virtuellen Hyperrealität aus. Beide Künstlerinnen geben Einblick in ihr jüngstes Schaffen und präsentieren eigens für die Ausstellung geschaffene neue Werke. Während Céline Ducrot Wellness als Schnittstelle zwischen Selbstfürsorge und kapitalistischer Selbstoptimierung sowie die Ambivalenzen menschlicher Beziehungen und Gefühlswelten thematisiert, setzt sich Cathrin Hoffmann mit der Untrennbarkeit von Geist und Körper, dem Konzept des Transhumanismus und der menschlichen Existenz im digitalen Zeitalter auseinander.
Inhalte
Céline Ducrots Malereien zeigen filmisch anmutende Szenen, deren Narrative jedoch fragmentarisch und flüchtig bleiben. Junge, weibliche Protagonistinnen erscheinen eingefroren in Momenten, deren Setting und Gesten vertraut, doch in ihrem Zusammenspiel rätselhaft erscheinen. Diese Ambivalenz ist zentral: Nähe und Distanz, Geborgenheit und Unbehagen, Vertrauen und Misstrauen. Ducrots Figuren bewegen sich im Spannungsfeld widersprüchlicher Emotionen, wie Intimität und Einsamkeit, das Gefühl, nach Kontakt zu suchen und ihn doch nicht zu finden. Dies nicht zuletzt aufgrund der Omnipräsenz neuer Technologien, die auch in Form von Bildschirmen und Smartphones Ducrots Welten bevölkern.
Auch individuelle Selbstfürsorge und kollektive Rituale stehen im Fokus. So setzte sich Ducrot mit Self-Care auseinander – sowohl in seiner ursprünglichen Bedeutung als auch in seiner kommerzialisierten Form als Wellness im Kontext von Produktivität und Selbstoptimierung dem ein glücksbringendes Heilsversprechen innewohnt. Zuletzt erweiterte sich ihr Interesse auf nicht-institutionalisierte Spiritualität. Praktiken wie Astrologie, Tarot oder naturbasierte Rituale erleben eine digitale Renaissance, vermischen sich mit neuen Technologien und erzeugen hybride Glaubensformen. Sie bieten Strategien zur Bewältigung einer unsicheren Gegenwart und ermöglichen Selbstverwirklichung sowie Gemeinschaftsgefühl. Diese Gedanken spiegeln sich in Ducrots Bildwelten wider – subtile, zeremonielle Gesten deuten eine Suche nach Sinn, Ordnung und Zugehörigkeit an.
Cathrin Hoffmann schafft hybrid-amorphe Figuren, die mechanisch und geometrisch, aber auch fließend und grotesk wirken. Mit ihnen hinterfragt Sie das Ideal des technologisch optimierten Menschen und untersucht die Auswirkungen digitaler Entwicklungen auf unsere physische Präsenz sowie die Wechselwirkung zwischen Körper und Geist. Welche Rolle spielt der Körper in einer zunehmend entkörperlichten Welt? Wie verändert sich unser Verhältnis zur eigenen Materialität, wenn virtuelle Räume und KI unsere Wahrnehmung prägen?
Hoffmann greift Kunstbewegungen der Moderne auf und überführt sie in die Gegenwart, um deren blinde Flecken offenzulegen. Beispielsweise setzt sie sich kritisch mit der Fortschrittsbegeisterung des Futurismus auseinander, der Frauen systematisch ausblendete. Ihre Figuren erscheinen jedoch nicht als dystopische Mahnmale, sondern als ambivalente Wesen, die Stärke und Eigenständigkeit verkörpern. Sie entziehen sich klaren zeitlichen oder stilistischen Verortungen und changieren zwischen Realitätsebenen. So untersucht Hoffmann, wie die digitale Welt unsere Resonanz und die lebendige Präsenz, die wir im direkten Miteinander und in menschlicher Verbindung erleben, beeinflusst.
Ein zentrales Thema ist die Dekonstruktion des männlichen Blicks. Durch Anspielungen auf bekannte Werke männlicher Künstler aus Renaissance oder Moderne hinterfragt Hoffmann kunsthistorische Narrative und verleiht ihren weiblichen Figuren Handlungsfähigkeit. Sie sind Subjekte mit einer eigenen Präsenz und nicht auf männliche Zuschreibungen reduziert. Dabei geht es ihr weniger um expliziten Feminismus als um eine durch ihre eigene Wahrnehmung als Frau geprägte Perspektive.
Arbeitsweise
Sowohl Céline Ducrot als auch Cathrin Hoffmann sind von ihrem Hintergrund als Grafikerinnen geprägt. Obwohl Ducrot mit Farbe arbeitet, versteht sie ihren Prozess als Zeichnen. Ihre Schablonen schneidet sie mit einem Messer, das für sie zum Stift wird. Zentral ist ihre präzise Airbrush-Technik: Während das Messer in Kontakt mit dem Trägermaterial kommt, trägt sie anschließend mithilfe der Schablonen dünne Farbschichten auf, ohne die Oberfläche direkt zu berühren. Der Bildaufbau erfolgt dabei schrittweise. Die Künstlerin konzentriert sich auf ein Detail während große Teile des Werks abgedeckt bleiben. Diese Technik verleiht ihren Arbeiten eine ultraglatte, synthetische Oberfläche. Ohne sichtbare Pinselspuren entsteht so eine Ästhetik zwischen Gaming-Welt und entrückter Sinnlichkeit. Ihre Farbpalette – entsättigte, mit Weiß und Grau gemischte Töne – verstärkt die Künstlichkeit und lässt Haut metallisch oder kalt wirken. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen Vertrautheit und Fremdheit.
Ähnlich wie Ducrot bewegt sich auch Hoffmann an der Schnittstelle von Malerei und Zeichnung. Ihre Werke beginnen mit einer händischen Skizze, die sie digital weiterentwickelt, bevor sie diese auf Leinwand, in Ölfarbe, mit Haaren und Wolle oder als Skulpturen in Stahl oder Kunststoff überträgt. So verschmelzen digitale und analoge Elemente zu einer hybriden Bildsprache, die virtuelle und malerische Ästhetiken vereint. In ihren jüngsten Arbeiten löst sich Hoffmann von der makellosen, synthetischen Oberfläche früherer Werke und lässt Spuren von Farbe und Material sichtbar werden. Dadurch wirken ihre Körper fleischiger und erhalten eine neue Haptik. Aus der Distanz bleibt die digitale Formensprache erhalten, doch aus der Nähe offenbart sich eine sinnlich erfahrbare, texturierte Oberfläche. Auch in diesem bewussten Kontrast, zeigt sich ein Spiel mit Wahrnehmung und Realität.
Gegenüberstellung
Beiden Künstlerinnen sind Momente der Ver- und Entfremdung, des Surrealen und Rätselhaften gemein. Während Ducrots Szenen eine alternative Realität mit eigenen Regeln erschaffen, existieren Hoffmanns Figuren in einer unmittelbar bevorstehenden, jedoch unerreichbaren Zukunft. Der Ausstellungstitel Hardest Kinds of Soft beschreibt ein Spannungsverhältnis, das sich in beiden Werkansätzen zeigt. Als Oxymoron verweist er auf die Gleichzeitigkeit von Härte und Verletzlichkeit, Weichheit und Widerstand. So bewegen sich Hoffmanns Körperformen zwischen Groteske und Fragilität und verbinden konstruktive Elemente mit einer subtilen Verletzlichkeit, während sich in Ducrots Arbeiten weiche Verläufe mit scharfen Konturen und natürliche Formen mit synthetisch wirkenden Strukturen zeigen. Die Gegenüberstellung von „hard“ und „soft“ hat nicht nur formale, sondern auch metaphorische Bedeutung – als Reflexion über zwischenmenschliche Beziehungen, das Spannungsfeld von Organischem und Artifiziellem oder die Schwierigkeit, Gegensätze in Einklang zu bringen. Diese Dualität spiegelt sich in den weiblich gelesenen Figuren wider, die zwischen Stärke und Verletzbarkeit oszillieren. Der Titel verbindet so beide Positionen und eröffnet vielfältige Assoziationsräume.
Céline Ducrot (*1992 in Freiburg, Schweiz) lebt in Biel/Bienne, Schweiz. Sie ist Absolventin der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und stellte u.a. bei Kadel Willborn (Düsseldorf), The Hole (New York City), Nationalgalerie Prag (Prag) und im Kunsthaus Biel (Biel/Bienne) aus. Ihre Arbeit wurden mit dem Swiss Design Award und dem Prix Anderfuhren ausgezeichnet. Als Illustratorin arbeitete sie für verschiedene Publikationen und Institutionen, darunter Die Zeit, FAZ Quarterly, Pro Helvetia.
Die deutsch-iranische Künstlerin Cathrin Hoffmann (*1984 in Rotenburg, Wümme) lebt in Berlin. Sie ist gelernte Grafikerin und stellte, u. a. in der Nicodim Gallery (Los Angeles), Public Gallery (London), Haus am Lützowplatz (Berlin), Kunstmuseum Mülheim a. D. Ruhr (Mülheim) und X Museum (Beijing) aus. Zudem erhielt sie Residencies im Palazzo Monti (Brescia) und bei PLOP (London). Ihre Arbeiten sind in öffentlichen Sammlungen in China, Spanien, Australien und Brasilien vertreten.
Mit freundlicher Unterstützung von
Stadt Giessen
Mit besonderem Dank an
Kadel Willborn, Düsseldorf
Public Gallery, London
Stadt Biel
sowie alle Leihgeber:innen
Bildnachweis: Cathrin Hoffmann, Our Bodies Know, 2025, Öl auf Leinen, 190 x 180 cm. Courtesy the artist and Public Gallery, London; Céline Ducrot, Filaments (Detail), 2024, Acryl auf MDF-Platte, 190 × 280 cm, Courtesy the artist and Kadel Willborn, Düsseldorf.
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