VORGEBIRGSPARK SKULPTUR 2025 KÖLN: MAXIMILIAN ERBACHER / ZANDRA HARMS / LINDA NADJI / ROLF STEINER
Ab 7. September 2025
Vorgebirgspark Köln-Zollstock
Kuratiert von Christian Merscheid und Peter Lodermeyer
Heute liegt der beliebte Vorgebirgspark im Kölner Süden etwas versteckt zwischen den Hochhäusern von Zollstock und dem Großmarktgelände in Raderberg – und tritt einmal im Jahr seit 1999 als Ort eines besonderen Kunstprojektes in Erscheinung.
Die Idee eines Parks und seiner Gestaltung, die Entwicklung eines öffentlichen Raums im Grünen beginnt zunächst in der Horizontale, nicht in der vertikalen Ausrichtung des organischen Wachstums. So wird ein grafisches „Ornament“ aus der Grundfläche heraus entwickelt, dessen Ordnung von Wegen zu Begehung, von Beeten und Bäumen, Grün- und Wasserflächen definiert wird. In eine solche Struktur, der seit der Erfindung des englischen Landschaftsgartens zumeist organische Formen und kein geometrisches Raster mehr zugrunde liegen, passen sich auch die vier künstlerischen Positionen im Kölner Vorgebirgspark perfekt ein und bespielen die vier spezifischen „Sondergärten“, die sich um die zentrale Liegewiese gruppieren.
„Der Skulpturenbegriff wird offen und undogmatisch gefasst und kann alles umfassen, was sich dreidimensional im Realraum des Parks zeigen lässt. Innovation, Experimentierlust, das Betreten von künstlerischem Neuland sind von enormer Wichtigkeit für das Selbstverständnis dieses Projekts. Unabdingbar ist die Vorgabe, dass die Werke aus der Auseinandersetzung mit den räumlichen Gegebenheiten im Park entstehen und eigens für die Ausstellung konzipiert und angefertigt werden.“
Peter Lodermeyer, Co-Kurator
Maximilian Erbacher
Heimat
In einer ersten Projektbeschreibung charakterisierte Maximilian Erbachersein Kunstwerk wie folgt: „Das Objekt besteht aus Vierkantstahl, Weidedraht, Isolatoren sowie einem Weidezaungerät, das im Takt 9-Volt Stromimpulse über den Draht an das Objekt aussenden kann. (Die Impulse sind für den Menschen ungefährlich). In herkömmlicher Weise wird dies zur Viehhütung in der Weidewirtschaft eingesetzt, um die Tiere vor dem Ausbrechen zu bewahren.“ Das entsprechende Objekt, ein hochglänzendes Metallteil, das ein wenig wie ein auf den Kopf gedrehter Tischunterbau ohne Platte aussieht, steht am Boden im Baumhof, unweit der drei fest installierten Tischtennisplatten, daneben das Weidezaungerät in ansprechendem Design, in Schwarz und Petrol mit kontrastierendem roten Schaltknopf. Es nimmt ein Gesamtvolumen von etwa einem Kubikmeter ein, ist also eher klein und doch extrem auffällig, weil es in seiner funktionslosen Funktionalität und seinen von Gebrauchs- und Verwitterungsspuren freien Äußeren in perfekter Metallic-Gold-Lackierung hier wie ein Fremdkörper wirkt, ein wenig wie vom Himmel gefallen.
Ein Weidezaungerät – für welche Tiere eigentlich? Schon mit einem Schaf darin wäre die Umzäunung hoffnungslos überfüllt. Und dann trägt das Objekt den historisch und gesellschaftspolitisch völlig überdeterminierten Titel „Heimat“. Damit löst das Objekt eine ganze Kaskade von Fragen, Vermutungen und Assoziationen aus. Über seine visuelle Anmutung hinaus bleibt es lange im Gedächtnis, irritiert, verstört womöglich und regt allemal zum Diskurs an.
Zandra Harms
Wenn die Geister schweigen
Eine ganze Reihe türkisfarbener Objekte leuchtet schon von Weitem vom Wasserbecken des Rosengartensher und lockt die Besucher an. Es sind eigentümliche Schwimmobjekte, die hier über die Wasseroberfläche treiben: zweckentfremdete, aus jeweils drei Luftkammern bestehende, aufblasbare Kinderplanschbecken von je etwa 60 Zentimetern Durchmesser, die, anstatt selbst mit Wasser gefüllt zu sein, kopfüber im Becken schwimmen. Das Erstaunlichste an diesen „Booten“ aber sind ihre Passagiere: rätselhafte Wesen mit ungewöhnlichen, farbig gestalteten Gesichtern, langen weißen Armen, expressiv ausgestreckten überlangen Fingern, zum Teil mit farbig lackierten Fingernägeln, ohne Beine und individuell in farbige Textilien gekleidet. Diese 14 Wesen sind offenbar die im Titel genannten Geister, die auf den Planschbecken-Booten ausgestreckt verharren: Man weiß nicht, ob sie entspannt daliegen, ob sie schlafen, in sich zusammengesunken sind, ob sie erschöpft sind oder tot.
Der Ausgangspunkt für die Installation von Zandra Harms ist eine Geschichte, die sie sich vorstellt und die mit folgenden Worten beginnt: „In einer Welt, in der Geister traditionell mit den Lebenden interagieren, haben sich die Geister plötzlich von den Menschen abgewandt. Sie sind nicht mehr ansprechbar, und ihre einstige Verbindung zu den Lebenden ist vollständig verschwunden.“ Stehen diese „Geister“ metaphorisch für die uns umgebende Natur, von der wir uns mit unserer Lebensweise zunehmend entfremden und die wir in erschreckendem Ausmaß zerstören?
Linda Nadji
Arilli
Das Erste, was man von Linda Nadjis Installation im Immergrünen Garten wahrnimmt, ist ein ungemein leuchtendes Rot. Schon aus großer Entfernung ist es fast überall im Park als heftiger Kontrast zu den grün-braun-gelben Naturtönen der Büsche, Bäume und Rasenflächen zu sehen. So erstaunlich die Intensität dieser Farbe auch ist, so gewöhnlich ist das Material, an dem sie erscheint: simple Stretchfolie aus Polyethylen, wie sie zur Verpackung von Transportgütern benutzt wird. Die Künstlerin verwendet lange Bahnen dieser Folie, um die vier leeren Sockel zwischen den Eiben paarweise, über den Hauptweg dieses Parkteils hinweg, miteinander zu verbinden. So erstrecken sich zwei Mal zwei horizontal gespannte, rote Farbstreifen, deutlich oberhalb des Bodens, quer über die Hauptachse und verändern mit ihrer intensiven Farbigkeit den Gesamteindruck des Immergrünen Gartens vollkommen.
Die Sockel selbst sind an den vertikalen Flächen, man möchte sagen: hauteng von der Folie ummantelt, während die horizontalen, von Witterung und Flechtenbewuchs geformten Oberflächen frei bleiben und damit besonders betont werden. Die ungemein fotogene Installation von Linda Nadji ist eine Einladung an die Parkbesucher, den Immergrünen Garten neu zu erfahren, unterschiedlichste Standpunkte auszuprobieren und überraschende Details zu entdecken. Der Titel „Arilli“, ein botanischer Fachbegriff, spielt übrigens auf die ebenfalls roten Scheinfrüchte an, die die Eiben etwa von August bis Oktober ausbilden. Diese Früchte ummanteln die Samen dieser Bäume als beerenartig-fleischige Hülle.
Rolf Steiner
Traum
Mit Rolf Steiner ist erstmals ein Künstler an der Vorgebirgspark Skulptur beteiligt, der im Grenzbereich zwischen Bildender Kunst und Literatur arbeitet, und so ist es nicht verwunderlich, dass sein Beitrag primär textueller Natur ist. Was die Literatur mit der Skulptur verbindet, ist die Tatsache, dass die Worte, um vom Sender zum Empfänger zu gelangen, in irgendeiner Weise materielle Gestalt annehmen, Dinge im Raum werden müssen, ob als Klang (Schallwellen, bewegte Luft), Tinte auf Briefpapier, bedruckte Buchseiten, digital auf Smartphone oder Tablet oder – heutzutage beinahe anachronistisch – Buchstabe für Buchstabe zusammengesetzt, ob aus Gutenbergs beweglichen Lettern oder (eine Erinnerung aus Kindertagen) den einzelnen Nudeln der Buchstabensuppe.
Ein ähnliches Prinzip verfolgt Rolf Steiner, indem er im zentralen, mit Steinen eingefassten Beet des Staudengartens aus vielen beigen, je etwa fünf Zentimeter großen Holzbuchstaben als subtiles Textbild Extrakte einer Traumerzählung erscheinen lässt, die er eigens für diesen Ort geschrieben hat. Dieser Text reflektiert die existenzielle Erfahrung eines operativen Eingriffs am Herzen, der während der Vorbereitung auf die Vorgebirgspark Skulptur notwendig geworden war. Aus diesem Erlebnis heraus entstand ein poetischer Traumtext, in dem die Operation nächtens auf einer Waldlichtung stattfindet und die Waldvögel dem Patienten wohlwollend zur Seite stehen. Auf einem Notenständer wird der Text in ganzer Länge dargeboten, sodass man ihn zu den Fragmenten am Boden ergänzend hinzuziehen kann.
Der Ort und das Konzept
Rituale des Ausstellens: Kunst im Zeichen der Zeit und des Wetters
Skulpturenparks und Kunstwege im Freien gibt es viele. Was aber die Vorgebirgspark Skulptur kennzeichnet und ihr „radikales“ Alleinstellungsmerkmal ausmacht, ist ihr Zeitkonzept. Es handelt sich um eine Skulpturenausstellung für nur einen Tag, genauer: für genau sieben Stunden. Sie findet einmal im Jahr – idealerweise am ersten Sonntag im September – von 11.00 bis 18.00 Uhr statt. Bis 11.00 Uhr müssen die Arbeiten aufgebaut sein, ab 18.00 Uhr beginnt der Abbau der Kunstwerke und ihre spurlose Entfernung aus dem Park. Da die Unwägbarkeiten der Witterungsverhältnisse bei einer Ausstellung im Freien immer eine Rolle spielen, müssen Ereignisse wie Gewitter, Starkregen, Sturmböen, aber auch starke Sonneneinstrahlung als Möglichkeit einkalkuliert werden. Das bedeutet, dass Wetterfestigkeit und Stabilität in die Konzeption der extra angefetigten Exponate integriert werden oder aber das Risko in Kauf genommen werden muss, dass die Skulpturen – und dies wäre dann ebenfalls Teil ihrer künstlerischen Intention – beschädigt oder gar zerstört werden könnten.
Gespräche im Grünen: Der Park als Einladung zu einer niedrigschwelligen Kunsterfahrung
Das Projekt hat den Anspruch, auch für Menschen zugänglich zu sein, die sich selten oder auch gar nicht mit zeitgenössischer Kunst befassen. Wichtig ist, auch den Anwohnern rund um den Park ein Angebot zu machen. Zwanglos und niedrigschwellig soll ein Kontakt mit Kunstwerken ermöglicht werden, der neugierig macht und Fragen auslöst. Fast ebenso wichtig wie das Betrachten der Kunst ist das Gespräch darüber. Deswegen sind Fragen, Anmerkungen, Kritik und Anregungen sehr erwünscht. Und so gehört es zu den unverzichtbaren „Spielregeln“ der Vorgebirgspark Skulptur, dass alle Beteiligten, die Kunstschaffenden wie die Mitglieder der IG Kunst im Park, während der gesamten Veranstaltung zugegen sind, um gegebenenfalls Rede und Antwort zu stehen.
Die Ordnung des vegetativen Raums als kuratorisches Konzept
Der Vorgebirgspark, der zwischen 1910 und 1914 geplant und ausgeführt wurde, liegt im Süden des Kölner Stadtgebietes zwischen Zollstock, Raderberg und Raderthal. Das Interessante am Vorgebirgspark ist, dass es einerseits eine große Wiesenfläche gibt und seitlich vier Sondergärten liegen. Daran knüpft die ursprüngliche Ausstellungsidee an: Die vier Sondergärten werden jedes Jahr als vier Räume für die temporären Installationen genutzt, in diesem Jahr von Maximilian Erbacher (*1970l) im Baumhof, Zandra Harms (*1968) im Wasserbecken des Rosengartens, Linda Nadji (*1972) im immergrünen Garten und Rolf Steiner (*1951) im Staudengarten.
Betreten erwünscht – entdecken erbeten!
Auch der Vorgebirgspark bezog seine Inspiration aus England. Der städtische Gartendirektor Fritz Encke, der die 14 Hektor große Grünanlage entwarf, erhielt dazu die Idee bei einem Besuch des Londoner Hydeparks während einer Englandreise. Dort waren die Wiesen – eine echte Neuheit – zugänglich für die Bevölkerung. Der nun entstandene Vorgebirgspark war nach dem Klettenbergpark Enckes zweites Projekt und ein besonderes dazu: In diesem ersten „neuzeitlichen“, also modernen Volkspark in Köln war das Betreten der Liegewiese und das Spielen darauf ausdrücklich erwünscht. Diesen offenen, spielerischen Ansatz setzt das Kunstkonzept fort.
Bildnachweis: Zandra Harms, Wenn die Geister schweigen, 2025
Vorgebirgspark
Eingang Kreuznacher Straße
Köln-Zollstock